Religiöse Krankheit und kranke Religion Die Wurzeln des OTS-Desasters

von Johannes Aagaard

  1. Evolutionsoptimismus hatte den christlichen Glauben an Gott als Schöpfer ersetzt.

    Die Evolution, die Aufwärts- und Vorwärtsentwicklung ("Fortschritt") in allen Bereichen - biologisch, sozial, politisch, persönlich - wurde als Sinn und Zweck der Welt und des Lebens angesehen. Aber in den letzten Jahrzehnten hat der Glaube an die Evolution sich völlig geändert. Er ist nicht länger optimistisch und zuversichtlich, sondern ist inzwischen zu einem Evolutionspessimismus geworden, der von Verzweiflung und Zynismus geprägt ist.

  2. Reinkarnation war der Ersatz geworden für den christlichen Glauben an Jesus Christus, den Erlöser.

    Die Seelenwanderung wurde als Befreiungsweg aus der materiellen und körperlichen Welt des Leidens aufgefaßt. Von den ersten Jahrzehnten der Theosophie (etwa zu Beginn dieses Jahrhunderts) an war

    die Reinkarnationsideologie verbunden mit der optimistisch-evolutionären Fortschritts-Ideologie. Die Reinkarnation schien sogar ein wichtiges Dilemma der biologischen Evolution zu lösen:

    Die Evolutionsanhänger mußten nämlich die Tatsache zur Kenntnis nehmen und verarbeiten, daß erworbene positive Ei- genschaften nicht erblich sind. Das bedeutet auch: Was ein Mensch in seinem Leben auch immer erreicht an persönlichem Fortschritt ("Wachstum") hat keine genetischen Konsequenzen. So verminderte sich der optimistische Glaube an die Evolution.

    Annie Besant z.B. sah die Reinkarnation als die Lösung an, wie man den Evolutions- und Fortschrittsgedanken aus diesem Dilemma herausbringen könnte. Die fortschrittlichen Errungenschaften, die nicht genetisch an künftige Generationen weitergegeben werden konnten, konnten nach diesem Gedankengang über den Weg des reinkarnatorischen Fortschritts in Form von Karma weitergegeben werden.

    Reinkarnation wurde damit eine Art Garantie für Fortschritt. Man schien kein Problem darin zu sehen, daß in der traditionellen Reinkarnationsvorstellung Reinkarnation nicht einfach ein Weg aufwärts war, sondern sicherlich auch und nicht zuletzt ein Weg "abwärts". Diese Tatsache wurde konsequent außer acht gelassen. Jedenfalls waren in ihren ersten Jahrzehnten für die Theosophie Evolution und Reinkarnation zwei Parallelen, die beide in eine goldene Zukunft wiesen, wo der fortschreitende Mensch zu seiner Göttlichkeit hin unterwegs war.

  3. Nachdem ökologischer Pessimismus und Endzeiterwartungen, die auf der ökologischen Verzweifelung basieren, den Evolutionsoptimismus abgelöst haben, wurde das Reinkarnationsdenken zum einzigen übriggebliebenen Träger der Entwicklung und des Fortschritts.

    Dadurch kam die Reinkarnationsidee jetzt aber in Gegensatz zum "normalen" Fortschrittsdenken. Die spirituelle Entwicklung des Menschen wurde nun verstanden als Entlarvung der Unvernunft des menschlichen Evolutionsoptimismus, ja der Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft der Menschen überhaupt. Religiöse Desperados haben durch diese Ideologie die Möglichkeit gefunden, ihr eigenes und das Leben anderer Leute aufs Spiel zu setzen, weil das Leben in Form von körperlichem Leben dadurch abgewertet wird als unannehmbar und unvernünftig.

  4. Überall da, wo wir diese theosophische Kombination von Evolution und Reinkarnation finden, haben wir bereits den Rohstoff für ein Desaster.

    Natürlich braucht es noch ein wenig mehr um solch Desaster in Gang zu setzen:

    Man braucht dazu einen Guru/Meister/ Führer/Verführer, der dazu fähig ist. Menschen in das Desaster zu führen. Dazu muß er seinen Anhängern die Notwendigkeit des Desasters ebenso vermitteln können, wie die angebliche Unausweichlichkeit der Katastrophe. Um die dafür nötige Autorität zu gewinnen, muß ein solcher Verführer im Namen von höheren Wesenheiten sprechen, zu denen niemand außer ihm selbst Zugang hat: Zum Beispiel im Namen der "großen weißen Bruderschaft", der "älteren Brüder", der "himmlischen Hierarchie" oder wie auch immer die Gruppe der angeblichen Autoritäten genannt wird.

    Die Verführer müssen nicht unbedingt irgendwelchen finanziellen oder sexuellen Mißbrauch treiben, aber sie tun es oft. Der entscheidende Punkt aber sind nicht diese Mißbräuche, sondern die eindeutig religiöse bzw. pseudoreligiöse Verführung.

    Das nötige psychologische Element der Verführung ist das Talent und der Charme eines Psychopathen und sein moralischer und ethischer Zynismus.

    Wenn diese Voraussetzungen beieinander sind, zusammen mit den oben erwähnten Umständen, dann sind alle Höllenhunde losgelassen.

  5. Es gibt keinen Zweifel, daß die OTS-Tragödie das Ergebnis einer religiösen Entwicklung ist, die wir als krankhafte Entwicklung bezeichnen müssen, als religiösen Wahnsinn.

Das Konzept religiöser Krankheit ist unter Religionswissenschaftlern umstritten. Aber Krankheit ist ein universelles Phänomen: Bäume können krank werden, Fische werden krank, Menschen werden krank. Im Sonnentempel begegnet uns eine Tragödie, die durch spirituelle Krankheit erschaffen wurde. Sie führte zu religiösem Wahnsinn und endete mit dem Tod.

Zu behaupten, es würde so etwas wie religiöse Krankheit nicht geben, wäre verrückt. Menschen können tatsächlich durch Religion krank werden. Aber wenn so etwas passiert, dann dadurch, daß in Religionen Krankheit enthalten sein kann.

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