Neue religiöse Kulte und Psychosekten genießen großen gesetzlichen Spielraum, mitunter sogar finanzielle Förderung. Beispiel Ungarn. Rita Petrekanits, Mitarbeiterin des Ungarischen Parlaments in Budapest, berichtete, daß es in ihrem Land nicht schwer ist, eine "Kirche" zu werden: "Es reichen 100 Mitglieder, eine Organisation und eine Lehre. Damit geht man zum Gericht, meldet sich an und ist fortan als 'Kleinkirche' registriert."
Auch in anderen Staaten Osteuropas wird die Tätigkeit der Sekten allenfalls durch allgemeine Verfassungsgrundsätze oder weit gefaßte Strafgesetze beschränkt. Doch bedarf es dafür auch eines funktionierenden Staatswesens. Beispiel Rußland. Die Behörden sind sehr nachlässig bei der Verfolgung der Sekten, berichteten Vertreter der Orthodoxen Kirche. Mitunter gelingt es einzelnen Organisationen, gezielt Verwaltungsbehörden zu infiltrieren oder prominente Personen vor ihre Karren zu spannen. Kürzlich sei etwa Raissa Gorbatschowa zur Vizepräsidentin einer Tarnorganisation der koreanischen Mun-Sekte ernannt worden, so Alexander Dvorkin, Sektenexperte der Russischen Orthodoxen Kirche in Moskau.
Auch der Einfluß der Scientology-Sekte reiche bis in höchste politische Kreise. Der ehemalige Vizepräsident, Alexander Ruzkoj, zeigte sich mit der Scientololgy-Ideologie "Dianetik" vertraut, als er in einem Interview den Scientology-Gründer Ron Hubbard zitiert habe. Scientology war es sogar gelungen, eine offizielle Empfehlung des russischen Gesundheitsministeriums für ein Psychoprogramm zu erhalten, das in Westeuropa inzwischen längst als Gehirnwäsche berüchtigt ist. Nach zweijähriger intensiver Öffentlichkeitsarbeit von Alexander Dvorkin und seinen Mitarbeitern ist die Empfehlung jetzt widerrufen worden. Aufklärung, so das Fazit der Tagung, ist der Anfang der Gegenwehr. Noch aber sind die christlichen Kirchen in Osteuropa den straff organisierten und finanzkräftigen Heilsbringern unterschiedlichster Couleur unterlegen. Gezielte Gegenstrategien gibt es nicht. Vieles ist dem Engagement einzelner Enthusiasten überlassen. Internationale Informationseinrichtungen, wie das von Pfarrer Thomas Gandow initiierte Netzwerk "Dialog Center" befinden sich erst im Aufbau. Vorerst können die Kirchen nur ernüchtert feststellen, daß der Preis der politischen Freiheit, die auch sie in Mittel- und Osteuropa genießen, das Risiko für den erneuten Verlust individueller Freiheit birgt.
Matthias Hartmann
Der Beitrag von Matthias Hartmann erschien zuerst in der Wochenzeitung "Die
Kirche" vom 13. Oktober 1996, Nr. 41