Du brauchst eine solche Versklavung nicht zu befürchten; denn eben jetzt, auf diesen Seiten, erfährst du die Techniken, die das verhindern.L. RON HUBBARD
Fyfield Manor war fünfzehn Autominuten vom Saint Hill entfernt. Dort wohnten nur
Scientologen. Das Schloß war ein großes, düsteres, dunkel angestrichenes
Gebäude, von dichten Baumgruppen umgeben, mit einem Hintergrund bedrohlich wirkender
Berge.
Der Mann, der mich an der Tür empfing, war etwa sechzig Jahre alt; sein Gesicht und
sein Körper waren rundlich; er hatte eine enorme rote Knollennase, abstehende Ohren
und
jungenhaft blaue Augen. Er sprach ein australisch gefärbtes Englisch. Er stellte sich
als Edward Douglas vor, bat mich herein und begann sofort, mir das Haus zu zeigen.
In diesem ersten Augenblick hatte ich den Vorgeschmack von etwas Ungewöhnlichem.
Vielleicht war es die Art, wie Edward mit mir sprach. Seine Worte waren dunkel, aber
würdevoll. Vielleicht lag es auch daran, daß er so tat, als übe er einen
uralten und unveränderlichen Ritus aus, während er mich in dem alten
Gebäude
von einem Raum in den anderen führte. Er wohnte in dem Schloß, bewegte sich
aber
darin, als sei er ein Gespenst, als sei er körperlich nicht anwesend.
Edward hatte die Aura des Außergewöhnlichen, ganz gleich, ob es nun um seine
körperliche oder um seine geistige Anwesenheit ging. In einer anderen Umgebung
hätte man ihn nur für einen freundlichen, etwas beleibten alten Mann gehalten.
Aber während er mir mit seinen durchsichtigen Kinderaugen tief in die Augen blickte,
vermittelte er einen ganz anderen Eindruck.
Edward war ein OT I.
Wir verbrachten den restlichen Nachmittag in der Nähe des Kamins. Ein Amerikaner
namens
Sam Veach saß bei uns, er schien sich gerade von einer Krankheit zu erholen. Die
beiden anderen sprachen leise miteinander oder schrieben Briefe. Benommen ließ ich
die
neue Atmosphäre auf mich einwirken.
Mir fiel auf, wie kalt der Mai in England war. Das Speisezimmer war groß wie ein
Hörsaal, sparsam möbliert und schlecht geheizt. Damals entging mir, daß
die
Atmosphäre in dem Haus kaum in Beziehung zu seiner Umgebung stand. Ich hatte kaum das
Gefühl, überhaupt in einem Haus zu sein. Das zugige Gebäude gewährte
so
wenig Schutz vor der Witterung, daß man sich ebenso auch draußen hätte
aufhalten können, in den Bergen, die man durch ein Seitenfenster undeutlich sah. Ein
Jet hatte mich in das bezaubernde England transportiert, von dem ich so oft gelesen und
geträumt hatte; doch es war kälter und
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feuchter, als ich je gedacht hätte. Mir war noch nicht klar, um wieviel seltsamer
die Welt war, auf die ich mich hier eingelassen hatte.
In der Vorhalle war neben dem Speisezimmer ein schwarzes Brett angebracht. Unter anderem
war
darauf Edwards Clear-Ansprache zu lesen, ein begeisterndes Zeugnis der Freude, Clear und
OT
I zu sein, wie ich es während meines Aufenthaltes noch häufig lesen sollte.
Daneben hing Rons Bulletin, in dem Preclears aufgefordert wurden, täglich Vitamin E
einzunehmen. Dies sei nötig, um die Nebenwirkungen abzubauen, die entstünden-
wenn
"aus dem Speicher (des reaktiven Geistes) Spannung abgelassen" werde. Die Dosis sollte mit
einer GUK genannten Mischung anderer Vitamine ergänzt werden.
Das Essen im Schloß war im Gegensatz zu meinen Erwartungen gut. Fünfzehn
Menschen
nahmen am Abendessen teil; es bestand aus Suppe, Salat, Roast-Beef mit Kartoffeln, Obst
und
einem fremdartigen Nachtisch. Für den Anfang war ich froh, daß die Konversation
sich nicht mit den Tagesnachrichten oder anderen unwichtigen Dingen beschäftigte.
Richie Blackburn, ein ziemlich ungehobelter junger Mann aus Australien, sagte mir alles
Wissenswerte über Sam Veach, der nicht an der Mahlzeit teilnahm. Sam sei ein PTS 3,
damit gehöre er als "Quelle möglicher Schwierigkeiten" zu den schwierigsten und
zuweilen gewalttätigen Fällen. In den Staaten sei er mit Elektroschocks
behandelt
worden, und während des Clear-Prozesses habe er plötzlich einen schweren
Rückfall erlitten. Wenn ich einen Tag früher angekommen wäre, hätte
ich
das Drama miterleben können: Sam habe mitten im Speisezimmer einen Anfall bekommen
und
mehrere Suppenteller in Scherben geworfen. Jetzt sei er vierundzwanzig Stunden lang unter
Bewachung und solle dann zum Saint Hill gebracht werden, wo man durch einen Such- und
Entdeckungs-Prozeß herausbekommen wolle, wer seine Suppressive Person sei.
Nach einer Tasse Kaffee gingen wir alle ins Wohnzimmer, um zu singen, zu tanzen und
Klavier
zu spielen. Die Wogen der Fröhlichkeit gingen ziemlich hoch, weil wir uns warm halten
mußten.
Edward und eine Engländerin wirbelten durch den Raum, die anderen schauten ihrem
wilden
Tanz kichernd zu. Der Trubel in dem eiskalten alten Schloß dauerte bis spät in
die Nacht — bis auf eine Pause von zehn Minuten, als der Strom ausfiel.
An jenem Abend gab es keine Spur einer seltsamen anderen Welt. Glücklich und durch
das
Zusammensein mit den anderen einigermaßen aufgewärmt, ging ich nach oben ins
Bett. Der Hausverwalter Ralph Wilkins hatte mich in ein Zimmer mit zwei Brüdern aus
Australien gesteckt. Es war so eng, daß ich kaum Platz für meine Sachen fand.
Ich
zwängte meinen Koffer zwischen zwei Betten und legte Mantel
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und Bademantel darauf. Jacke, Hemd und Hosen hing ich über einen Stuhl. Im Bett war es schrecklich kalt. Nach wenigen Minuten sprang ich heraus und zog meine Sachen, Mantel eingeschlossen, wieder an. Um ein wenig warm zu werden, mußte ich auf der Seite schlafen, mit über der Brust gekreuzten Armen und fest aneinander gepreßten Beinen, die ich wie einen Fötus an den Bauch zog.
Das schafft man allerdings nicht, indem man den Atem anhält, "richtige" Gedanken denkt, oder die Republikaner wählt...L. RON HUBBARD
Am nächsten Morgen um acht kam Richie herein und rüttelte an unseren Betten.
Es
war Zeit, daß ich mich im Hill vorstellte.
Es gab ein reichhaltiges Frühstück. Edward und ich gössen uns gegenseitig
zahlreiche Tassen Pulverkaffee ein. Juanita, die hübsche Frau des Hausmeisters,
saß neben Sam Veach, streichelte zärtlich seine Hände und schaute ihm tief
in die Augen. Ich hatte noch nie erlebt, daß jemand so lieb und beruhigend mit einem
Menschen sprach, der Liebe und Zuneigung so verzweifelt brauchte, wie er in diesem Moment.
Während ich ihr hübsches dunkles Gesicht betrachtete, spielte ich einen
Augenblick
mit dem Gedanken, selbst PTS 3 zu werden.
Der Weg zum Saint Hill führte durch herrliche Wälder und Wiesen. Sam
eingeschlossen waren wir zu sechst im Wagen. Nachdem wir im College angekommen waren, ging
ich sofort zum Empfang, wo ich ein gedrucktes Formular erhielt. Man sagte mir, ich
müsse es in die verschiedenen Büros, die ich besuchen sollte, mitnehmen und dort
jeweils eine Unterschrift verlangen. Diese Prozedur mußte jedesmal wiederholt
werden,
wenn ich für einen neuen Grad oder einen weiteren Kurs bereit war.
Vom Empfang aus ging ich zur Buchhaltung und von da zur Kasse. Wegen der kürzlichen
Abwertung des Pfundes war die Gebühr für den Power-Prozeß erhöht
worden. Ich mußte den Gegenwert von 1200 Dollar bezahlen.
Im Auditionsbüro erhielt ich ein Stück Papier, das ich an meine Jacke heften
mußte. Darauf stand: "Ich bin im Power-Prozeß. Ich bitte, keine Fragen an mich
zu richten, mich nicht zu auditieren und meinen Fall nicht mit mir zu diskutieren."
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Eine Auditorin führte mich in eine Zelle mit zwei Stühlen, einem Tisch, einem
E-Meter, einem Wörterbuch und einem Scientology-Lexikon. Sie ließ mich die
Büchsen in die Hand nehmen und begann, mir die Fragen zu stellen, mit denen ich auf
die
folgenden Power-Kommandos vorbereitet werden sollte.
Es ging nur langsam voran; das bedeutete, daß einige Withholds aufzuklären
waren.
Gott weiß, daß ich sie hatte! Die sturen Vorschriften für den Weg durch
die
einzelnen Büros hatten mich aus der Ruhe gebracht. Alles in den College begann und
endete mit Schlange stehen. Jeder Schritt war genau vorgeschrieben, die genaue Reihenfolge
mußte peinlichst eingehalten werden. Seit meinem ersten Schritt zum Empfang
fühlte ich mich irritiert. Mein Spott über die Organisation begann mir im Halse
stecken zu bleiben. Ich überlegte, ob ich der Auditorin von den Diskussionen
berichten
mußte, die ich mit Felicia und Gerald erst vor zwei Tagen geführt hatte.
"Gibt es einen ARC-Bruch mit der Umgebung?"
"Ja, ich bin nervös, weil ich mich an einem fremden Ort befinde. Und letzte Nacht
habe
ich im Bett gefroren."
Das schien die Nadel für eine Zeit "sauber" zu machen.
"Sind Sie mit heimlichen Wünschen hierher gekommen?"
"Nein."
"Die Nadel reagiert. Was meinen Sie, könnte das sein?"
"Ich kann meine Augen nicht von Frauen-Popos lassen!"
"Danke. Hatten Sie in dieser Sache Fortschritte?"
"Nichts hat sich geändert."
"In Ordnung, Noch mehr dazu?"
Ich fuhr zusammen. Die Nadel ließ mir keine Ruhe. "Ich möchte mein Glied in den
Po-Backen reiben und sie mit meinem Sperma vollspritzen."
"Danke. Damit ist diese Frage sauber. — Was müßte passieren, damit
Sie denken, daß die Scientology funktioniert?"
"Aber sie funktioniert doch!"
Ich war mir zwar auch noch einer Verärgerung wegen des gerade ausgegebenen Geldes
bewußt, aber aus irgendeinem Grund reagierte die Maschine darauf nicht, darum
überstand ich auch die übrigen Fragen, ohne es erwähnen zu müssen.
Damit
ging die Sitzung zuende.
Auf meinen nächsten Auditor mußte ich warten. Inzwischen erhielt ich den
Auftrag,
in einer kleinen Kantine neben dem Empfang Briefe in Umschläge zu stecken, die mit
Reklame für die Scientology an Adressaten in der ganzen Welt gingen. Die Frau, die
uns
beaufsichtigte, befahl mir, meine Postulate mit jedem Brief mitzuschicken.
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Der Grad V Power-Prozeß besteht aus drei Teilen; hinzu kommt ein aus zwei Teilen
bestehender Anhang, der V A genannt wird. Sowohl V als auch V A enthalten im Wesentlichen
Auditier-Kommandos. Sie gelten als geheim. Im ersten Teil von V wiederholt der Auditor
zwei
Fragen abwechselnd, bis der Preclear eine schwebende Nadel hat. Vorher leitete mich meine
Auditorin durch eine Prozedur, die "Abklärung der Kommandos" heißt. Dabei
mußte ich die einzelnen Worte beider Kommandos definieren und im Wörterbuch
nachschlagen, sobald ich im geringsten über ihre Bedeutung unsicher war. Dann
mußte ich angeben, was jedes Kommando im ganzen bedeutete. Erst jetzt war die
Auditorin davon überzeugt, daß ich sie verstand.
"Das ist der Prozeß", sagte sie. "Nennen Sie mir eine Quelle."
"Der Himmel."
"Danke. Reden Sie darüber"
"Aus ihm regnet es."
"Fein. Nennen Sie mir eine Nicht-Quelle."
"Nichts ist eine Nicht-Quelle."
"Danke. Reden Sie darüber."
"Alles ist eine Quelle."
Obwohl ich die Kommandos abgeklärt hatte, war mir der Begriff "Nicht-Quelle" nicht
ganz
klar und ich mußte bluffen, indem ich eine Antwort erfand.
"Nennen Sie mir ein Quelle"
"Eine Kuh."
"Danke. Sprechen Sie darüber"
"Sie gibt Milch."
Offensichtlich wurde man im ersten Teil des Power-Prozesses von allen Considerationen
über "Quellen" befreit. Kurz bevor die schwebende Nadel kam, fühlte ich mich
mächtig und fähig, meine Postulate zu erschaffen. Darum gab ich ihr auf das
Kommando "Nennen Sie mir eine Quelle" die Antwort: "Ich selbst."
Die Kommandos für den nächsten Teil wurden abgeklärt. Dann begann der
Auditionsprozeß von neuem.
"Nennen Sie mir einen existierenden Zustand."
"Glück."
"Danke. Wie haben Sie darauf reagiert?"
"Ich habe es genossen."
"Gut. Nennen Sie mir einen existierenden Zustand!"
"Schwierigkeiten."
"Fein. Wie haben Sie darauf reagiert?"
"Ich versuchte, sie zu vermeiden."
Ich hatte bei mehreren Wiederholungen dieses Prozesses eine schwe-
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bende Nadel. Ich war aufgeregt. Beim nächsten Teil würde ich ein Grad V Power
Release werden.
"Wo sind Sie gewesen?"
Während ich die Namen aufzählte, machte die Auditorin ein Liste: "New York,
Sussex, San Francisco, Afghanistan, die 85. Straße, Rochester, Seneca Parkway..."
Die Auditorin sah, daß die Nadel schwebte und teilte mir mit, ich sei nun ein Grad V
Power Release. Ich mußte warten, bis ihr Bericht von einem Prüfer für in
Ordnung befunden wurde. Dann kam sie zurück.
"Wen haben Sie gekannt?"
"Joe, George, Roy Thompson, Ray Robertson, Mary, Jackie, Marie, Betty, Barbara" (ich
ertappte mich dabei, daß ich ihr eine Reihe von Prostituierten nannte, die ich
gekannt
hatte) "Alma, Marie II, Irene, Barbara II."
"Danke. Ist das ein Titel: römisch II?"
"Nein, es sind Straßenmädchen — ich habe ihre Nachnamen nie erfahren — Diane,
Connie, Mary II, Barbara III..."
Die Auditorin zögerte keinen Augenblick. Sie hatte ihre TRs gut gelernt. Die
schwebende
Nadel kam, als sie zwei Seiten mit Namen bedeckt hatte.
"Worüber möchten Sie mehr wissen?"
"Mathematik, Schach, Dame, Scientology, Geschichte, Filme, Wein, Malerei, Sex, Menschen,
Archäologie ..."
"Das wär's. Sie haben eine Release auch in V A. Bitte, warten Sie fünf Minuten,
während ich meinen Abschlußbericht schreibe. Dann müssen Sie zum Empfang
gehen."
Ich hatte weniger als eineinhalb Stunden gebraucht, das Abklären der Kommandos
eingeschlossen, ohne Aufenthalt, ohne daß eine Review-Sitzung nötig wurde!
Triumphierend ging ich zu den Warteschlangen zurück, um die nächste Stufe
vorzubereiten. Sorgfältig ging ich dabei dem Vitamin E-Wagen aus dem Wege, der
täglich von East Grinstead geschickt wurde und der neben dem Schloß parkte.
Obwohl ich Rons Bulletin darüber gelesen hatte, war ich nicht interessiert. Es schien
mir nur ein Mittel mehr, die Schüler von ihrem Geld zu trennen.
Die Dame am Empfang forderte mich auf, zum Erfolgs-Büro zu gehen. Dort fragte mich
ein
junger Mann mit überwältigenden TRs, welche inneren Fortschritte ich durch den
Power-Prozeß erzielt hätte. Ich mochte ihm nicht sagen, daß ich bis jetzt
noch keine spürte — ich war nur allgemein mit dem Prozeß-Verlauf zufrieden.
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"Ich habe das wunderbare Gefühl, daß ich viele Fortschritte machen werde,
und
das ist in sich ein großer Fortschritt", sagte ich.
Der junge Mann war mehr als zufrieden. "Großartig", rief er aus. Gleichzeitig
schrieb
er meine Worte in einem dicken Buch auf. Dann schickte er mich zum nächsten
Schreibtisch, wo mich ein junger Mann als FSM (Feld-Stabsmitglied) werben wollte. Ich
mochte
ihn nicht. Er erinnerte mich an die Empfangsdame in der New York Org. Ich war fest
entschlossen, alle Extra-Pflichten und -Arbeiten im Hill zu meiden. Ich war davor gewarnt
worden, und außerdem hatte ich keine Ahnung, was ich als FSM tun müßte.
Der
junge Mann erklärte mir, ich solle Leute für die Scientology werben, wofür
ich eine Prämie erhalten würde. Ich war noch immer mißtrauisch und
antwortete, ich wolle die Entscheidung aufschieben, bis ich darüber etwas gelesen
hätte. Er gab mir eine dicke Broschüre, war aber ziemlich unzufrieden mit mir
und
wollte mich erst gehen lassen, als ich ihm versprochen hatte, daß ich am
nächsten
Tag noch einmal vorbeikommen werde.
Innerlich war ich wütend; er hatte mir einen ARC-Bruch verschafft, gerade als meine
Freude über die Power-Release am größten war. Ich hatte bei ihm auch
Furcht
entdeckt, die Furcht, nicht zu erreichen, was man von ihm verlangte. Die Furcht war
ansteckend. Ich spürte, daß ich selber nicht auf die falsche Seite — wovon
eigentlich? — geraten wollte. Fürchtete er verborgene Mächte? Wovor hatte er
Angst? Ich wußte, daß das Personal im Hill Tag und Nacht für einen
Hungerlohn arbeitete, um genug Lohn oder Prämien zu verdienen, damit sie die unteren
Grade nach und nach absolvieren konnten. Vielleicht hatte meine Standhaftigkeit seine
Chancen vermindert. So verärgert ich auch war, wollte ich darüber doch nicht
weiter nachdenken.
Ich mußte die FSM-Geschichte möglichst schnell vergessen, denn als
nächstes
stand eine Sicherheitsüberprüfung auf der Tagesordnung. Das war etwas Neues,
aber
nachdem ich Power so reibungslos absolviert hatte, machte ich mir keine zu großen
Sorgen. Eine Frau, die sich geschäftsmäßig mit ihrem E-Meter
beschäftigte, stellte mir heikle Fragen, wie "Sind Sie hier, um vertrauliches
Material
zu verraten?" Ich war mit der Überprüfung früh genug fertig, rechtzeitig
für das Mittagessen im Schloß.
Sam Veach nahm vergnügt am Essen teil. Sein S&D war erfolgreich verlaufen, und
nun
war er sicher, ein Clear zu sein. Er weinte fast vor Freude, als er mir sagte, nun werde
er
in die Staaten zurückkehren, um dem Mädchen, das er seit Jahren liebte, einen
Heiratsantrag zu machen. Sein Sieg über seine schwere Vergangenheit und seine Liebe
für alles und jeden rührten mich sehr.
Nach dem Essen schickte ich einen kurzen Brief an Felicia und Gerald
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ab, in dem ich sie fragte, ob ich ein FSM werden müsse und ob ich mich gegenüber dem Werber richtig verhalten habe. Am späten Abend war diese Episode schon vergessen. Als ich in meinem Schlaf-Iglu lag, fühlte ich die Anwesenheit von etwas neuem — die mir durch Grad V verliehene Macht, die durch meinen Körper pulsierte und mich mit größeren Mächten am nächtlichen Himmel und in den dunklen Wäldern weit draußen in Sussex in Verbindung brachte.
Wieder Schlange stehen: Am Empfang, dann an der Kasse, wo 800 Dollar für den
Solo-Kurs zu bezahlen waren. Ich teilte der Wohnungsabteilung mit, daß ich in
Fyfield
Manor und damit in einer nur von Scientologen bewohnten Unterkunft eingezogen war. Im
Buchladen kaufte ich einen E-Meter. Der Buchhändler überredete mich, eine
umfangreiche Sammlung von Rons Schriften zu erwerben, die ich zum Teil schon in New York
hatte. Später ärgerte ich mich: er hatte das nur getan, um Geld zu verdienen.
Der DT (Direktor des Trainings, Ausbildungsleiter), eine matronenhafte Frau, sprach mich
an:
"Sie wissen, daß alles, was Sie in der Solo Klasse erfahren werden, geheim ist. Was
könnte nach Ihrer Meinung der Grund dafür sein?"
"Damit Menschen, die nicht zur Scientology-Bewegung gehören, das Material nicht
mißbrauchen können?" improvisierte ich.
"Genau. Außerdem: die Geheimhaltung hat keine kommerziellen Gründe. Denn die
Information ist ungeheuer gefährlich; das Material kann jeden schädigen, der
nicht
darauf vorbereitet ist, weil er die einzelnen Grade nicht gemäß Rons
Vorschriften
absolviert hat. Sie haben den Power-Prozeß absolviert. Sie dürfen sich mit
diesen
Dingen befassen, aber wenn sonst jemand davon erfahren würde ..."
Ich wurde in den Solo-Klassenraum geführt und dem Aufseher vorgestellt. Er wies mich
darauf hin, daß ich mich an jeden freien Tisch setzen und jedes unbenutzte
Tonbandgerät gebrauchen könne. Meine Sachen hatte ich in Ordnung zu halten:
Mantel
und Bücher sollten unter dem Stuhl liegen, der Tisch in einer Reihe mit den anderen
bleiben. Die Tische standen in zwei sauber ausgerichteten Reihen; in der einen Reihe
konnte
man den E-Meter bedienen und TRs lernen, in der anderen Bulletins studieren. Ich suchte
mir
einen Platz und schaute mir zunächst die "Saint Hill Orientierungsunterlagen" an. Sie
enthielten eine Karte der College-Gebäude und ein Paket mit Bulletins. Eins
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davon machte deutlich, daß die Ethik-Richtlinien im Hill nach wie vor streng
gehandhabt wurden. Ich registrierte ein Dutzend "Ethik-Zustände" (= eine Skala
negativer und positiver ethischer Werte, denen entsprechend Lob und Strafen
gegenüberstehen). Schon bald erfuhr ich, daß sie als einer der
größten
Beiträge Rons zum Wohl der Menschheit galten.
Die Ethik-Zustände sind der Versuch, jederzeit alles und jedes im Universum zu
klassifizieren. Man kann sie auf sich selbst anwenden, auf eine Organisation, einen
Haushalt, eine Nation, eine Katze oder einen Füller. Jeder Zustand wird durch eine
bestimmte "Formel" definiert, ein Anzahl von Schritten, die getan werden müssen, um
den
nächsthöheren Zustand zu erreichen. Der augenblickliche Zustand einer Person
kann
festgestellt werden, indem man sich vergewissert, welche Formel er gerade befolgt, ob
bewußt oder unbewußt. Zum Beispiel ereignet sich der Zustand des
Nicht-Existierens, wenn man einen neuen Posten antritt, als Chef oder als Diener. Die
entsprechende Formel lautet:
Sobald eine Person im "Zustand des Nicht-Existierens" dieser Formel nachkommt, erreicht
sie den nächsthöheren Zustand: "Gefahr". Dabei ist der wichtigste Schritt:
"Überhole den an Dienstalter Jüngeren, der gewöhnlich den Ton angibt." Wenn
man getan hat, was immer das bedeutet, ist der "Gefahr-Zustand" beseitigt, woran sich der
"Notfallzustand" anschließt, dessen Schlüsselwort "Fördern" lautet. Danach
kommen "Normale Tätigkeiten" ("Ändere nichts"); noch höhere Zustände
sind "Überfluß" und "Macht".
Unter "Nicht-Existieren" beginnen die "Niedrigeren Zustände": Zweifel, Schuld, Verrat
und Feindschaft. Die Formeln für die Niedrigeren Zustände machen im allgemeinen
erforderlich, sich zu überlegen, wem man Treue schuldet, und dann Wiedergutmachung
für "jeden zugefügten Schaden" zu leisten. Wiedergutmachung ist sogar für
"Verrat" und "Feindschaft" möglich, auch von da aus kann man wieder zu den
"Höheren Zuständen" aufsteigen.
Auf dem Kontrollformular wird als erstes verlangt, aus Modellierton Demonstrationsobjekte
(Demos) der verschiedenen Zustände zu formen, die durch den Instrukteur geprüft
und beurteilt werden mußten. In einem Bulletin wurde diese Übung als sehr
nützlich bezeichnet, weil sie dem Schüler ein Gefühl der physikalischen
Realität eines Scientology-Wortes oder -Konzeptes vermittelte. Außerdem wird es
von den
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Schülern oft als willkommene Erholung von der passiven Haltung beim Abhören
der
Tonbänder und dem stundenlangen Lesen von Bulletins begrüßt, ein wenig mit
dem feuchten Ton herumspielen zu können.
Die Arbeit mit dem Demo zeigt — wie es in dem Bulletin ferner hieß — "dem nur
zungenfertigen Schüler, was ihm fehlt: er kann sehr gut abstrakt reden, aber in
Wirklichkeit hat er nichts verstanden."
Ein solcher Schüler gerate in Panik, wenn man ihm ein Stück Ton in die Hand
gebe.
Der Ton-Demo soll selbst darstellen, was er symbolisiert. Jeder Teil der Figur erhält
außerdem ein kleines Papierschild. Abschließend wird der ganze Demo mit dem
Etikett des Wortes oder der Prozedur versehen, die er illustrieren soll. Diese Aufschrift
wird aber verdeckt. Wenn der Instrukteur trotzdem erraten kann, worum es sich handelt,
dann
hat der Schüler seine Aufgabe erfüllt.
Unser Instrukteur war zu jener Zeit ein kurzgewachsener Engländer, der zumindest ein
OT
I sein sollte. Um eine Kaffeepause anzukündigen, pflegte er zu brüllen: "Das
wär's!" und wenn sie um war: "In Ordnung. Aaanfangen!"
Sein trockener Humor, den ich für typisch britisch hielt, äußerte sich
besonders scharf, wenn er unsere Demos überprüfte. War ihre Bedeutung nicht
sofort
zu erkennen, dann brachte er uns mit ironischen Fragen in Verlegenheit. Ein Demo über
die Ethik-Zustände hatte jeden Schritt der einzelnen Formeln darzustellen. Da es bis
zu
acht Schritte per Formel gab, verbrauchte man entweder den Ton pfundweise oder man machte
die Figuren so klein, daß sie kaum erkennbar waren. Ich mußte meinen
Erfindungsreichtum sehr strapazieren, um einen Gedanken wie: "Ändere nichts" zu
visualisieren. Ich brauchte zwei Tage, bis ich mit den Demos fertig war.
Ein anderes Problem war die Beförderung zum Saint Hill. Selten gab es genügend
Wagen für alle, die zum College fahren wollten. Der beste Tip war, sich mit Max
Dinmont, einem OT VI, gut zu stellen. Jeden Morgen fuhr er nach dem Frühstück zu
genau der gleichen Zeit los, immer nahm er einige von uns mit. Allerdings kannte Max kein
Mitleid, wenn man nicht pünktlich war. Zwei ältere Frauen aus der Solo-Klasse
klagten darüber, daß er oft ohne sie abführe. Ralph Wilkins, der
Hausmeister, fuhr eine andere Gruppe in einem kleinen Transporter hinüber, aber dann
mußte man sich mit sechs anderen Leuten in den Wagen quetschen.
Sobald wir in Hill angekommen waren, stürzten wir uns auf die Tonbandgeräte.
Dreißig oder mehr Schüler hatten nur fünfzehn Geräte zur
Verfügung. Viele standen schon um 8.45 Uhr vor der Klasse
100
Schlange, um ein gut funktionierendes Gerät zu erwischen. Um 9.15 Uhr wurde die
Tür geöffnet; dann kam es sofort zu einem wilden Drängen und Schieben. Wenn
ich Glück hatte, hörte ich mir den ganzen Morgen Tonbänder an, schlang dann
in der Kantine ein Sandwich hinunter und raste sofort wieder in die Klasse zurück, um
noch ein paar Tonbänder zu schaffen.
Rons Gegenwart im Solo Klassenzimmer war ständig zu spüren: In seinen
Büchern
und Bulletins auf den Tischen, seinen Slogans am Schwarzen Brett und durch sein
großes
Porträt neben dem Pult des Instrukteurs. Seine Gegenwart durchdrang alles; vor allem
aber war Ron für uns die Stimme auf den Tonbändern.
Die Tonbänder mit den vierzig Hubbard-Vorlesungen wurden in einem Aktenschrank
aufbewahrt. Aus dem Kontrollformular ging hervor, daß zunächst acht Bänder
über "Studieren" anzuhören waren.
Hubbards vereinfachende Lehren schlugen mich in ihren Bann: "Etwas zu studieren bedeutet,
es
anzuschauen, es zu beobachten und alles zu entdecken." Warum war ich darauf nie gekommen?
Es
war so einfach, so direkt. Ron schlug vor, wenn man etwas lernen wollte, zum Beispiel
über einen Traktor, dann "sollte man einen Traktor vor sich haben." Er machte die
üblichen Schulen herunter, weil sie keine Ahnung vom wirklichen Zweck der Erziehung
hätten: "Den Schüler die Anwendung des Wissens zu lehren."
Es stimmte: alle meine Jahre in der Schule waren vergeudet, weil mir diese elementaren
Tatsachen entgangen waren — aber jetzt hatte ich die Chance, die Dinge
zurechtzurücken.
Ron machte auch die Kompliziertheit der meisten Lehrbücher lächerlich. Was
sollte
an der WAHRHEIT unklar sein? Selbst seine Methoden, die in den exakten
Gesetzmäßigkeiten der Physik und der Technik begründet seien, liefen
letzten
Endes auf einfache Gesetze hinaus wie: "Wenn wir einen Ziegelstein nehmen und einen
anderen
Ziegelstein darauf legen, dann haben wir einen Ziegelstein auf dem anderen." Man konnte
Rons
Zuhörer auf dem Tonband laut lachen hören, während er ihre bisherigen
Vorbilder vom Sockel stürzte.
Spott war nur eins von Rons Ausdrucksmitteln. Er konnte launisch sein und ernst,
weitschweifig und präzise. Oft plauderte er neunzig Minuten lang, zitierte weither
geholte Einzelheiten, und dann, auf den letzten Zentimetern des Tonbandes, brachte er doch
noch alles unter einen Hut. Ich bewunderte die Bandbreite seines Wissens; er sprach
über so weit von einander entfernte Themen wie die Navigation von kleinen Schiffen
und
die städtische Leichenhalle. Die Tonbänder waren Unterricht, Predigt und Zirkus
—
alles in einem.
Zu Beginn seiner Vorlesung nannte Ron gewöhnlich das Datum. Falls
101
es sich um 1963 handelte, nannte er es: AD 13 (Anno Dianetico 13).
Das hatte immer einen eigenartigen Effekt bei mir, so daß ich mich nur schlecht
konzentrieren konnte. Doch dann weckte Ron mit seinem besonderen Sinn für Humor
wieder
mein Interesse.
Auf jedem Tonband gab es mindestens einen Abschnitt, der mich beim aufmerksamen
Zuhören
störte. Ausgerechnet diese Teile prägten sich mir ein. Aber wenn ich mich vor
Lachen bog, konnte ich mich unmöglich darauf konzentrieren, was er vorher gesagt
hatte.
Zuweilen brach die ganze Reihe der Schüler an den Tonbandgeräten gleichzeitig in
Gelächter aus, wenn sie in verschiedenen Bändern im gleichen Augenblick lustige
Stellen anhörten. In einem Abschnitt über die Unfähigkeit der großen
Masse unterstrich Ron sein Argument, indem er das Wort wie das Blöken eines Schafes
klingen ließ: "Ma-a-a-asse". Bei anderer Gelegenheit sprach er von einem Mann in New
York, dessen größte Furcht es war, in der Öffentlichkeit nackt erwischt zu
werden. Als Ron ihn wieder sah, rannte er gerade zum Times Square und riß sich dabei
die Kleider vom Leibe. Die Pointe dieser Geschichte galt zugleich als eins der
wesentlichen
Gesetze des Universums: "Man bekommt immer, was man vermeiden will"
Während der Stunden, die wir in der Klasse verbrachten, gab es häufig
Unterbrechungen. Einmal in der Woche wurde der Raum verdunkelt, um Rons Film über den
reaktiven Geist vorzuführen. Wir mußten dann unsere Tonbänder und
Bulletins
zusammenpacken und in andere Räume umziehen, oder nach draußen, auf den Rasen
neben der Straße gehen. Jeden Freitagnachmittag wurden in der Kapelle die Diplome
überreicht. Schüler, die obere Grade oder den Spezial-Kurs absolviert hatten,
hielten dabei Reden über ihre Fortschritte.
Mindestens einmal am Tag kam ein Schüler, der seine Solo-Audition beendet hatte, in
den
Klassenraum, um unsere gemeinsame "Bestätigung" zu empfangen. Der Instrukteur sagte:
"Das wär's", und wir ließen unsere Arbeit einen Moment ruhen, während der
neue Release seine Rede hielt. Sofort nach unserem Applaus kam dann wieder "Anfangen!" und
wir machten uns wieder an die Arbeit.
Einmal wurden wir durch eine Frau unterbrochen, die uns eine besondere Mitteilung machte:
die Organisation erwarte ab sofort die strikte Beachtung der Anordnung über das
Tragen
der Namensschilder; im College-Bereich müsse jeder sein Schild tragen, Besucher und
Taxifahrer, die Fahrgäste abholen wollten, eingeschlossen. Ein Schüler ohne das
Namensschild werde in den Zustand der Schuld eingestuft. Die Schüler seien
außerdem verpflichtet, jeden zu melden, der sein Schild nicht trage. Falls er das
unterlasse, werde er selbst mit einer Ethik-Strafe belegt.
102
Ich beschloß, mein Namensschild ständig zu tragen. Das war zwar unbequem,
besonders außerhalb des Hill, würde mir aber das ständige Anstecken und
Abnehmen ersparen.
Ursprünglich hatte ich geplant, den Solo-Kurs in vier Wochen abzuschließen. Da
es
aber nicht genug Tonbandgeräte gab und wir dauernd unterbrochen wurden, war es
unmöglich, diesen Zeitplan einzuhalten. Die Tonbandgeräte waren schlecht, man
mußte sie dauernd reinigen, auch die Tonbänder waren abgenutzt: selbst wenn man
sie mehrmals abhörte, konnte man einzelne Sätze nicht genau hören. Viele
Kopfhörer waren zerbrochen, man mußte sie mit der Hand gegen das Ohr halten.
Diese ständige Anstrengung, Rons Botschaft zu erfassen, machte mich häufig
schläfrig. Zum Ausgleich dachte ich an mein Abschlußreferat über meine
Fortschritte oder blickte im Zimmer auf und ab, um zu prüfen, ob ich schon besser
sehen
konnte. Manchmal nickte ich ein; das Geräusch des auf den Tisch fallenden
Kopfhörers weckte mich dann wieder. Selbst im Halbschlaf hörte ich weiter Rons
Stimme, einen vollen Bariton, rauchig, doch wohlklingend, einschmeichelnd und beherrschend
zugleich.
Ein Körper ist ein Gemüse...und wie jedes Gemüse wird er — auf die eine oder andere Art — von anderen verbraucht.L. RON HUBBARD
Die Sitten, wie sie — in sexueller oder anderer Beziehung — von manchen OTs an den Tag
gelegt wurden, verwirrten mich. Man war sich einig, daß eine Person nur so lange OT
(Operating Thetan = voll kreatives Theta-Wesen) genannt werden konnte, bis Ron der Welt
der
Scientology die Stufen VII und VIII geschenkt haben würde. Bis dahin, so forderte Ron
in einem Bulletin, dürfe man Clears und OTs nicht nach den gleichen
Maßstäben messen, wie gewöhnliche Menschen. Trotzdem war es mir
unmöglich, nicht zu bemerken, daß es OTs gab, die Eigenschaften vorwiesen, wie
sie gewöhnlich nicht mit dem Übermenschlichen assoziiert wurden.
In Fyfield Manor stellten einige ihre sexuelle Promiskuität wie ein Banner zur Schau.
Geschlechtsbeziehungen galten als "Übereinkommen zwischen den Körpern". Als Olga
O'Brien, eine sinnliche OT VI, mit ihrer elfjährigen Tochter bei uns ankam, traf sie
ein solches Über-
103
einkommen mit einem Sea Org-Rekruten, der hier auf Nachricht von der Jacht wartete. Die
Tochter konnte den Liebhaber nicht ausstehen und die drei diskutierten während der
Mahlzeiten darüber. Die Tochter war häufig Zeuge dieser Affären mit Fremden
—
ihre Mutter war außerdem oft im Bett von Richie Blackburn. Nachdem der Jacht-Rekrut
abgereist war, wurde Mike Glassman, ein OT VI, sein Nachfolger bei Olga. Mike war ein
vierschrötiger und abstoßender Mann ohne die geringste geistige Ausstrahlung.
Rons Regeln entsprechend versuchte ich, ihn nicht zu streng zu kritisieren. Olgas Benehmen
schien anzudeuten, daß sie das Kind verletzen wollte — es wirkte fast, als wolle sie
sich an ihrer Tochter irgendwie rächen. Trotzdem nahm ich an, es werde schon seine
Richtigkeit haben, als ich sie im Wohnzimmer in leidenschaftlicher Umarmung mit Juanita
Wilkins' Liebhaber antraf. Die OT I-Fähigkeiten ihres Mannes Ralph Wilkins reichten
offensichtlich nicht aus, um sie zu befriedigen. Juanitas Moral versetzte mich ebenso in
Erstaunen, wie die von Olga, allerdings war Juanita nur eine Grad IV Release.
Vor einigen Jahren hatte Ron derartige Aktivitäten unter den Schülern des
College
offiziell verboten. Später hat er diese Anordnung widerrufen. Die Schüler taten
sowieso, was sie wollten, und da es kaum Möglichkeit gab, sie davon abzuhalten, wurde
der Geschlechtsverkehr wieder zugelassen.
Der Hausmeister des Fyfield Manor war hochgewachsen, schlank, und etwa dreißig Jahre
alt; auch er benahm sich nicht wie ein OT. Ralph war darauf versessen, durch leichte
Profite, die er aus Fyfield Manor schlug, seine nächste Stufe zu finanzieren. Die
Hausbewohner verachteten ihn deshalb. Er war freundlich, zu Scherzen aufgelegt und
schrecklich unordentlich. Das Haus war in einem jämmerlichen Zustand, vor allem die
Installation; es war noch mehr in Unordnung, als es wegen der fehlenden Mittel für
eine
Renovierung hätte sein müssen. Ralph war es auch völlig gleichgültig,
wie die Gäste unterkamen. Es gab zahlende Gäste, die im Keller oder auf dem
Fußboden des Wohnzimmers schliefen. Bekannt war auch, daß er sich sozusagen
stellvertretend an den losen Bettsitten des Manor vergnügte, selbst an denen seiner
eigenen Frau. Mit einem Wort, seine Ethik war "out", wie die Scientologen sagen. Doch was
uns betraf, waren wir bereit, ihm alles zu verzeihen, weil er wenigstens auf eine gute
Küche hielt. Man konnte Ralph nichts übelnehmen, solange er uns mit gutem Essen
bestach. Eines Tages bemerkte ich während des Essens einen kleinen Jungen, der an
einem
Nebentisch saß. Zuerst glaubte ich, er sei allein. Dann fiel mir ein, daß er
zu
den Kindern eines amerikanischen Ehepaares gehörte, das am Spezial-Kurs teilnahm, und
das die Angewohnheit
104
hatte, was immer man sagte, in der vorgeschriebenen Weise mit sonorem "O.k." und
"Danke"
zu bestätigen. Seine Mutter hatte in einem S&D entdeckt, daß der Junge
für sie suppressiv war. Vielleicht hatte sie das Kind von Anfang an nicht haben
wollen;
natürlich mußte sie sich nun von ihm trennen. Deshalb aßen sie an
verschiedenen Tischen. Hin und wieder lief sie zu ihm und drückte ihn an sich; sie
sagte, sie könne sich nur halb von ihm trennen. Er war der traurigste kleine Kerl,
den
ich je gesehen habe; sein bedrücktes und ratloses Gesicht war der vollkommene
Gegensatz
zu dem seiner kleinen strahlenden Schwester, die immer bei den Eltern saß.
Es gab dort außerdem ein achtzehnjähriges Mädchen, das in einer Dachstube
wohnte und nur selten zu den Mahlzeiten kam, wobei es leise vor sich hin summte. Richie
erklärte uns, daß sie das "erste Dianetic-Kind" sei, das Resultat von Rons
Erforschung der Engrammlosen Geburt. "Ich bin allerdings nicht sicher", fügte er
hinzu,
"ob es ein Erfolg war. Sie ist nämlich ein wenig komisch."
Es ist den Lehrern des Hubbard College streng untersagt, die HCOBs
(Bulletins der
Hubbard-Informationsabteilung) gegenüber den Schülern auszulegen oder zu
bewerten.
Wenn ein Schüler eine Frage hat, ist es dem Lehrer nur erlaubt, ihm ein HCOB zu
nennen,
daß die korrekte Antwort enthält. Jede andere Antwort bringt den Lehrer in den
Zustand der Schuld, und er ist von der Ethik-Abteilung zu bestrafen. Der Schüler, der
eine solche falsche Antwort erhält, muß den Schuldigen dem Ethik-Beamten
melden.
Unterläßt er das und wird erwischt, wird er ebenfalls bestraft.
Der Lehrer muß Tag, Monat und Jahr jedes HCOB kennen — es gibt Hunderte davon — so
daß er den Schülern die korrekten Daten nennen kann.
Die HCOBs waren in einem kleinen Büro neben dem Solo-Klassenzimmer unter Verschluß. Die Schüler mußten den Empfang quittieren und durften sie nur in verschlossenen Aktentaschen mit sich führen. Nicht alle der elf Pakete waren geheim und daher "möglicherweise gefährlich für jeden, der auf das Material noch nicht vorbereitet ist". Die Pakete A bis D behandelten das Auditieren und verwendeten Begriffe, die ich schon kannte. Sie unterschieden sich aber in zweierlei Hinsicht von den Dianetic-Paketen. Erstens: im Solo-Kurs mußte ich mich selbst auditieren und damit war ich mein eigener Preclear. Alle Vorschriften in den Bulletins bezogen sich also auf mich; ich war Auditor und PC in einer Person. Zweitens: die Einzelheiten wurden sehr viel mehr im Detail dargestellt. Dutzende von Seiten beschäftigen
105
sich mit den Regeln des Auditierens und deren Übertretungen. Korrektes Auditieren
beruhte auf einem strengen Ritual: l) Fragen stellen, 2) Antwort bekommen, 3) Antwort
bestätigen. Das mußte streng eingehalten werden. Als schädlicher Zusatz
galt
alles, was der Auditor hinzufügte: überflüssige Worte, Veränderungen
der
Tonlage beim Sprechen oder spontane Gesten. Als Störung des Prozesses galt es auch,
wenn der Auditor bestätigte, ohne die Antwort des PC abzuwarten ("seine Kommunikation
abschneiden"). Das vermittelte dem Preclear das Gefühl, der Auditor höre ihm
nicht
wirklich zu, und als Kompensation versuche er dann, mehr als notwendig zu reden, was den
Prozeß verzögere. Ein noch viel schwerwiegender Fehler sei es, wenn sich der
Auditor mit dem PC in ein Frage- und Antworte-Spiel einließe.
An einem warmen Sonntagmorgen nahm ich meine Bulletin-Pakete zum Lernen mit auf die
Terrasse
hinter dem Schloß. David, einer meiner Zimmergenossen, war schon dort, er las sein
Sonderkurs-Material. Ich setzte mich zu ihm. Nachdem ich eine Zeitlang Notizen gemacht
hatte, mußte ich zum WC im Haus. Als ich zurückkam, ging Richie auf der
Terrasse
auf und ab. Er kam zu mir und baute sich drohend vor mir auf.
"Weißt du, was du gerade getan hast, Freundchen? Du hast dein vertrauliches Material
hier rumliegen lassen. Ich hätte dir mehr Vernunft zugetraut!" Er schlug mit der
Faust
gegen seinen Oberschenkel. "Wenn ich du wäre, ginge ich sofort zur Ethik-Abteilung,
um
es zu melden."
Ich starrte ihn an. "Aber Richie, David ist doch hier und ich war nur eine Sekunde fort."
"Du hast gehört, was ich gesagt habe. David ist im Sonderkurs. Wie willst du wissen,
ob
er deinen Status schon erreicht hat? Wenn er dein Zeug nun gelesen hat? Ich würde
etwas
tun an deiner Stelle, aber das mußt du selber entscheiden. Bring es morgen gleich in
Ordnung. Bei deiner nächsten Sicherheitsüberprüfung kommt es sowieso
heraus!"
Als Richie ins Haus stolzierte, hatte ich ein komisches Gefühl in der Magengrube.
"Mach dir keine Sorgen", sagte David, "manchmal spinnt er."
"Aber habe ich nicht wirklich etwas falsch gemacht?"
"Das hängt von dir ab. Es ist so, wie du darüber denkst. Wenn du meinst, es war
o.k., deine Sachen bei mir zu lassen, um ins Klo zu gehen, dann ist es in Ordnung. Du
mußt dir nur selbst sicher sein."
Fast täglich sah ich Fanatiker wie Richie in Aktion. Trotzdem gab es vieles, was mir
das Leben im Saint Hill angenehm erscheinen ließ. Man brachte mir bei, mich zu
unterwerfen. Es war eine Last mehr, die von einem genommen war, wenn man nicht mehr zu
rebellieren brauchte
106
und nur gehorsam zu sein hatte. Sie vermittelten mir die Disziplin, die mir mein Leben
lang gefehlt hatte. Auf lange Sicht war das genau so nützlich, wie der
Clear-Prozeß selbst. In der Tat begann ich zu denken, daß das Clearen nicht
notwendigerweise die größte Wohltat der Scientology war. Fast unmerklich war
eine
Veränderung in mir vor sich gegangen. Ich hatte nicht mehr die Absicht, die
Scientology
für meine eigenen Zwecke auszunutzen. Mir gefiel dieses Gefühl; es war so
sauber.
Meine alten Ansichten erschienen mir jetzt — so unrein. Vielleicht beeinflußten mich
die Regeln, die strikten Anordnungen, die Augen und Stimmen, die mich bei jeder neuen
Aufgabe leiteten. Wenn es so war, dann wußte ich den Wert dessen, was ich bekam, zu
schätzen. Ich war froh, mich nicht mehr länger als eigenwilligen Eindringling zu
sehen, sondern als Mitglied der Gruppe im Saint Hill.
Ihre Hingabe beeindruckte mich. Die Schüler und Stabsmitglieder kamen aus aller Welt,
viele aus den angelsächsischen und skandinavischen Ländern und den Vereinigten
Staaten. Sie hatten die verschiedensten Lebenswege hinter sich, gehörten allen
gesellschaftlichen Stufen und Altersgruppen an, und hatten jeden erdenklichen
religiösen und sozialen Hintergrund. In einem Kurs war ein Paar, das schon hoch in
den
Siebzigern war, sowie ein zwölfjähriges Mädchen. Die Anzahl gut aussehender
Menschen war unter den Schülern überdurchschnittlich groß: viele der
Mädchen waren ausgesprochen schön, viele Männer hatten wache und kluge
Gesichter. Ihr direkter Blick stieß mich nicht mehr ab, wie in der New York Org.
Etwas besonderes kam hinzu: als einzelner brachte man durch seine persönlichen
Anstrengungen und Erfolge die ganze Gruppe voran. Ich kam darauf während des
täglichen Gerangels um die Tonbandgeräte. Die Schüler verbargen ihre
fiebrige
Hast nicht im geringsten; der Druck, möglichst schnell weiter zu kommen, ließ
ihnen keine Ruhe. Alle wußten es: Der Scientology-Bewegung konnte etwas
zustoßen, bevor wir den Status eines Clear erreichten und uns aus der Falle
befreiten,
in der wir seit Millionen Jahren steckten. Denn die Scientology wird von den Behörden
mehrerer Kontinente verfolgt, und das verlieh Rons Organisation ein wenig den Charakter
des
Illegalen. Vielleicht ging es den ersten Christen in ihren Katakomben genauso. Vielleicht
war es diese Unsicherheit, die die Leute zusammenbrachte, sie zugleich auch von einander
trennte und in ihre gegenseitigen Beziehungen eine schwer erklärbare Mischung von
Zuneigung und Fast-Feindschaft brachte.
Und doch war mein Leben niemals zuvor ähnlich bewußt verlaufen; hier konnten
sich
die Menschen geben, wie sie waren. Niemand mußte heucheln, seinen Egoismus
verschleiern. Theta-Menschen wurden nicht
107
durch den Gefühlsleim des reaktiven Geistes zusammengehalten. Sie konnten sich ihren wirklichen Gefühlen stellen. Hier war Realität, hier gab es Überzeugung, einen Zweck, ein Ziel. Im College mit seinen Bestimmungen, Regeln, seinen Strafen, mit den Hunderten von Seelen, die alle den gleichen, eng umgrenzten Pfad entlang stürmten, wurde einem "der feste Wille, sein eigenes Ziel zu erreichen", abverlangt. An diesem Punkt angelangt, war ich schon dicht daran, für immer einer von ihnen zu werden.
Eines Tages fiel die See Org in Saint Hill ein. Die Mitglieder dieser Elite-Mannschaft
trugen weiße Pullover, weiße Hosen oder Röcke, weiße Strümpfe
und weiße Schuhe. Sie kamen, um sicherzustellen, daß die Normen der Ethik
eingehalten wurden und die Standards nicht nachließen. Viele Mitglieder des Stabes
sah
man jetzt schmutzig graue Stoffetzen um die Arme gewickelt tragen. Das zeigte an,
daß
sie im Zustand der Schuld waren und die entsprechende Strafformel erfüllen
mußten. Man konnte in den Zustand der Schuld versetzt werden, wenn man ein Gebot
gebrochen, sein Soll nicht erfüllt oder einen Fehler gemacht hatte. In einem solchen
Fall galt man als Minuspunkt für die Organisation und mußte Wiedergutmachung
leisten, indem man 24-stündige Roboter-Schichten ableistete. Für die Mitglieder
des Stabes bedeutete das, daß sie den College-Bereich eine oder zwei Nächte
lang
nicht verlassen durften. Nur wenn es keine Arbeit für sie gab, durften sie irgendwo
auf
dem Fußboden ein wenig schlafen.
Die See Org startete sofort eine größere Aktion: sie schickte alle Mitglieder
des
Stabes zum Bücherverkaufen los. Instrukteure mit schweren Bücher-Paketen wurden
nach Dienstschluß abends nach East-Grinstead geschickt, damit sie noch die
Nachtzüge zu benachbarten Städten erreichten. Andere wurden auf zwei oder drei
Tage dauernde Reisen geschickt.
Hekla, ein Dänin, die auch in Fyfield Manor wohnte, hatte Sorgen. Sie arbeitete als
Sekretärin beim Stab, ohne dort genug für ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Und
jetzt hatte sie Angst, in den Zustand der Schuld versetzt zu werden, weil sie nicht genug
Bücher verkauft oder ihr Soll als Sekretärin nicht erfüllt hatte,
während sie zum Bücherverkaufen unterwegs war. Wenn man in Schuld war, wurde
einem
sowieso der Lohn gekürzt. Bis jetzt war Hekla noch nicht auditiert worden, sie hatte
gehofft, als Grad IV Release nach Kopenhagen zu-
108
rückkehren zu können, besser befähigt, mit ihrer unglücklichen Ehe
fertig zu werden. Sie weinte vor Enttäuschung, als ihr bewußt wurde, daß
ihr dieses Ziel immer mehr entglitt.
Dexter, ein langhaariger Gitarrenspieler aus Nordengland, arbeitete von früh bis
spät beim Stab, um sich die Mittel für Grad 0 zu verdienen. Immer wieder war er
wegen kleiner Vergehen in Schuld geraten. Deshalb mußte er sich jetzt einem "Joburg"
unterziehen, einer komplizierten Sicherheitsüberprüfung, die gründlicher
als
üblich war und von Ron ausgearbeitet worden war, als Mitglieder der Org in
Johannesburg, Südafrika, vor Jahren gegen ihn rebelliert hatten. Diese
Überprüfung dauerte drei Stunden, falls nicht vorher die schwebende Nadel kam,
und
der E-Meter mußte jede Frage mehrfach als sauber erweisen, darunter solche wie:
"Sind
Sie pervers?"
Es tat mir leid, meine neuen Freunde gestraft zu sehen, aber ich ermutigte sie nach
Kräften, damit sie ihren minderen Status ertrugen, bis sie auditiert werden konnten.
Ich entging nur deshalb der gleichen Pein, weil ich über das notwendige Geld
verfügte. Gerald hatte mich besonders vor der See Org gewarnt; ihre Mitglieder
wollten
"den ganzen Planeten clearen." Ich aber dachte nur daran, weshalb ich hergekommen war:
selbst ein Clear zu werden und dann zu verschwinden.
Nachdem ich fast zwei Wochen lang Tonbänder abgehört hatte, begann ich immer mehr unter dem Zustand zu leiden, den die Schüler "überstudiert sein" nannten. Ron redete und redete über alles unter der Sonne, und oft gab es nur einen einzigen Punkt auf dem langen Tonband, der im engeren Zusammenhang mit dem Kursthema stand, wenn wir aufmerksam und intelligent genug waren, ihn zu erkennen. Manchmal fehlte ein solcher Zusammenhang sogar ganz, man hörte nur Geschwätz über alles mögliche, von Orgelpfeifen bis zu obskuren Fotografier-Techniken. Obwohl ich das breite Wissen und die große Erfahrung des Mannes bewunderte, ging es mir auf die Nerven, seine Stimme jeden Tag zehn Stunden lang zu hören. Ich ging dazu über, während der Klassenstunden die HCOB-Pakete E bis F zu lesen.
... wie wir alle wissen, hat der Thetan bei seinem Sturz in die Erniedrigung schweren Schaden gelitten. Nachdem er zugelassen hatte, daß er weich wurde, erledigten korrupte Wesen aus dem Universum das Geschäft, indem sie ihn mit Vorfällen und Faksimiles elektrisch aufluden. Solche gewaltigen Eintragungen auf der "Ganz-
109
Spur" — das ist die gesamte Zeit-Spur über Milliarden von Jahren —
werden Einprägungen genannt. Ein Teil dieses zerstörerischen Materials wurde von
Invasionstruppen einer alten innergalaktischen Konförderation, die auf dem Planeten
Helotrobus basierte, auf die Erde gebracht. Sie hatten das Ziel, hypnotisierte Sklaven und
Kolonisten herzustellen, indem sie es ihnen fast unmöglich machten, sich daran zu
erinnern, daß ihnen ihre scheinbaren Ziele vorher eingepflanzt waren. Die meisten
dieser eingeprägten Ziele sind jetzt durch Forschungsarbeiten mit dem E-Meter
aufgespürt worden. Die Einprägungen sind übrigens sehr unterschiedlich ...
Helatrobus-Einprägungen: Vor 38,2 bis 52 Billionen Jahren
Flugzeug-Tür-Einprägungen: Vor 216 bis 315 Billionen Jahren
Die Gorilla-Ziele: Vor 319 bis 83 Billionen Jahren
Die Bären-Ziele: Vor 83 Sextillionen Jahren, bis vor etwa 40,7 Oktillionen Jahren
Die Lichtungs-Einprägungen (Früher: Schwarze Thetan-Einprägungen) Vor 40,7
Oktillionen bis vor 5,9 Dezillionen Jahren
Die unsichtbaren Bildziele: Vor 5,9 Dezillionen Jahren bis zu einem nicht mehr klar
erkennbaren Datum
Die Günstlings-Einprägungen: Noch nicht bestimmt
Die Schöpfungsgeschichte-Einprägungen: Vor 70 Dezillionen Jahren
Das "Flugzeug-Ziel" ist in einem vorgetäuschten Flugzeugrumpf eingeprägt worden,
wobei der Thetan vor einer Flugzeugtür angebunden war. Die "Gorilla-Ziele" wurden in
einem Rummelplatz mit einem einzigen Tunnel, einer Rollschuh-Bahn und einem Riesenrad
eingeprägt. Das Symbol eines Gorilla war immer dort vorhanden, wo das entsprechende
Ziel eingeprägt wurde. Manchmal wurde ein schwarzer Gorilla außerhalb des
Rummelplatzes gesehen. Ein mechanischer oder ein lebendiger Gorilla wurde immer innerhalb
des Rummelplatzes gesehen. Diese Aktivitäten wurden von den Hoipolloi
ausgeführt,
einer Gruppe, die sich in Gesellschaften mit Körpern aus Fleisch aufhielten. Es waren
typische Fleischfresser. Sie gaben Konzessionen für diese angeblichen
Rummelplätze
aus. Ein rotgestreiftes weißes Hemd mit Ärmelhaltern war die Uniform der
Hoipolloi. Solche Figuren fuhren oft auf den Auto-Scootern. Bei den Wagen wurden auch
Affen
verwendet. Manchmal gehörten auch Elefanten dazu. Die Hoipolloi- oder Gorilla-Ziele
wurden in phantastischem Tempo eingeprägt. Dabei wurden sowohl reine
Stromstöße als auch Explosionen verwendet. Die "Schwarzer Thetan-Ziele" wurden
auf einer Lichtung eingeprägt, die von steinernen Köpfen Schwarzer Thetanen
umgeben war, die wiederum weiße Energie auf den gefangenen Thetan spien. Der
Gefangene
Thetan war ohne Bewegung.
Meine Zimmergenossen zogen aus, um in der Stadt ein Apartment zu mieten. Eins der Betten wurde sofort mit einem unglücklich aussehenden Mann in den frühen Vierzigern belegt, der ständig das Abzeichen mit der Aufschrift "Ich bin beim Power-Prozeß. Stellt mir keine Fragen, auditiert mich nicht und diskutiert meinen Fall nicht mit mir!" trug.
110
Bruce Perkins war ein kurzwüchsiger Engländer mit schweren, hängenden
Schultern, einem sensiblen Schmollgesicht und dicken Brillengläsern. Zugunsten der
Scientology hatte er seine Ehe aufgegeben, nachdem er sich das Geld dafür auf
Baustellen unter der heißen Sonne Afrikas und des Nahen Ostens verdient hatte. Bis
jetzt aber hatte er den Power-Prozeß nicht einmal begonnen. Er hatte eine
Review-Sitzung nach der anderen absolviert und ständig ARC-Brüche erlebt. Wie er
mir sagte, wurde er von der Organisation an der Nase herumgeführt. Wenn sich die
Dinge
gerade ein wenig einzuspielen begännen, bekomme er einen gemeinen Brief von seiner
ehemaligen Frau, was seine Nadel auf der Skala festrasten lasse; das wiederum mache
weitere
Review-Sitzungen erforderlich, wodurch es zu neuerlichen ARC-Brüchen komme, usw. usw.
Bei alledem quäle ihn sehr, daß immer dann, wenn er mit einem Auditor ein
erträgliches Verhältnis erreicht habe, ihm bei nächster Gelegenheit ein
neuer
aufgezwungen werde. Seine Mittel seien nahezu erschöpft und er denke daran, seinen
Wagen zu verkaufen. Er glaubte noch immer, daß die Scientology seine letzte Hoffnung
auf der Welt sei, so groß seine Zweifel und sein Groll auch waren. Ich gab mich als
verständnisvoller Kamerad und sagte ihm, er solle durchhalten und seinen
Power-Prozeß zu Ende bringen. Ich hatte Angst, Bruce könnte über seinen
Fall
reden. Jedesmal wenn er Einzelheiten von den Review-Sitzungen erwähnen wollte,
mußte ich ihn zum Schweigen bringen; er verriet ohnehin schon viel zu viel. Das
Abzeichen, das er Tag und Nacht tragen mußte, machte mich nervös. Ich hatte
Mitleid mit ihm, befürchtete aber, ich könnte das Verbot vergessen und ihm eine
Frage stellen. Manchmal blieb mir fast das Herz stehen, wenn mir aufging, daß ich
wieder das Verbot übertreten hatte. Beim Frühstück hatte ich ihn zum
Beispiel
gefragt: "Möchtest du noch Kaffee?" Gewiß war diese Frage nicht schädlich,
aber immerhin verbot das Abzeichen jede Frage. Sicher gab es einen Grund dafür. Ich
war
ungehorsam gewesen und mußte künftig noch vorsichtiger sein.
Als ich am gleichen Abend zum Schlafen nach oben kam, saß Bruce auf seinem Bett und
spielte unentschlossen auf seiner Gitarre. Er sagte mir, er fühle sich ständig
frustriert, weil er weder Musik machen noch sich sonst irgendwie ausdrücken
könne.
Dann unterhielt er mich länger als eine Stunde lang mit Geschichten über sein
Leben in Afrika. Er war durchaus ein Mann, der sich ausdrücken konnte, auch wenn er
es
selbst nicht wußte.
111
Dieses Werk beruht auf ehrlicher Forschung, die mit beachtlicher Sorgfalt ausgeführt worden ist.L. RON HUBBARD
Schließlich war ich so weit, L. Ron in voller Aktion zu sehen, und zwar in seinem Film über den reaktiven Geist. Da war das vertraute Gesicht mit den Hamsterbacken leibhaftig auf der Leinwand. Am Ende jedes Satzes kam ein schnelles Lächeln, als erlaube sich Hubbard einen Scherz über die Barbaren-Welt, wenn er uns seine Geheimnisse verriet. Er stand hinter einem Töpfertisch, auf dem ein Modell stand, das einer ganzen Kette von Booten glich; jedes von ihnen trug etwa zwölf Tonkugeln, die jeweils in zwei Reihen in dem Boot lagen. Er erklärte die Einzelheiten seines Modells, wobei er zuweilen auf Details hinwies, die ich aber nur unvollkommen mitbekam ...
Wir werden euch jetzt die Innen-Struktur des reaktiven Geistes
vorführen. Sein Kern ist die R6 Bank. Sie ist von Engrammen und Secondarien umgeben,
die ausgelöscht werden müssen, um an den Kern heranzukommen. Und woraus besteht
die R6 Bank? Ihr werdet erstaunt sein, wenn ihr hört, daß es eine Gruppe von
Worten ist, die GPMs (Goals, Problems, Mass = Ziele, Probleme, Masse) heißen. Ihr
Zweck ist es, einen Thetan zu verwirren. Sie sind die Ursache seines Irrweges. Der Inhalt
der R6 Bank sind also verfälschte stabile Daten.
Bei diesem Demo (= Modell) ist jedes dieser schiffsähnlichen Objekte ein GPM, und die
Tonkugeln darauf sind seine verbalen Inhalte. Diese Phrasen basieren auf dem
elektromagnetischen Prinzip der Plus- und Minus-Spannung. Auf der einen Seite des GPM sind
die positiven Phrasen, auf der anderen die negativen; beide gehören paarweise
zusammen.
Mehr darüber später. Hier seht ihr ein erstaunliches Phänomen: Der reaktive
Geist ist nicht ein chaotischer Flickwerk-Dschungel von Worten und Emotionen, sondern eher
eine exakte Ordnung von Begriffen, die bei jedem Menschen gleich sind. Ganz ähnlich
ist
es mit der Zeit-Spur. Die Präzision, mit der der reaktive Geist zusammengesetzt
wurde,
ist unglaublich.
Glaubt nicht, es sei leicht gewesen, das alles zu erforschen. Wir mußten die genaue
Zahl der GPMs feststellen; natürlich auch die genaue Zahl der RIs oder Reliable Items
(= verläßliche Einzelheiten), das sind die verschiedenen Begriffe, die zu einem
GPM gehören. Die RIs blieben lange unentdeckt. Ebenso die Tatsache, daß die
GPMs
Masse und Bedeutung enthalten, ferner, daß die Bank Masse und Gewicht hat und einen
Raum etwa fünfzehn Fuß vor dem Preclear ausfüllt. Wenn man sich einen
Moment
überlegt, daß dies alles den Psychiatern entgangen ist, dann wundert man sich
...
und wundert sich ...
112
Prozesse R2 und R3 ohne jede Erklärung erwähnt wurden. Ferner begannen
Diagramme aufzutauchen, die sich aus ungewöhnlichen Verbformen zusammensetzten, aus
nie
gehörten Worten mit der Endung NESS (=-heit). Diese NESS-Worte bedeuteten die Ziele.
Davon gab es Hunderte, die durch Kreuz- und Quer-Linien verbunden waren, mit Kreuzungen,
wo
die Plus-Ziele zu Minus wurden. An beiden Enden jedes Diagramms war etwas, was sich
Opposition Terminal (= etwa: Gegensätzliches Endstück) nannte, gesetzt.
Ich las Seite nach Seite voll dieser Verben, die in diese seltsamen Nomen verwandelt
waren.
Es war ein alptraumhaftes Wortspiel. Ron hatte uns gesagt, daß die Struktur der Bank
in jedem Menschen gleichförmig sei; sie sei ein Teil unseres eigenen Geistes, den wir
ausradieren sollten. Ich verbrachte viele Abende damit, hinter das Ganze zu kommen. Aber
es
war hoffnungslos, meine Mühen brachten mir außer heftigen Kopfschmerzen nichts
ein.
Zwei Damen aus Dänemark, die den Solo-Kurs eben begonnen hatten, baten mich, sie
über ihre Kenntnisse der Tonbänder abzuhören. Sie holten mich eines Abends
in
ihrem Wagen im Fyfield Manor ab und brachten mich zu ihrem Hotel in der Stadt, wo sie mich
zu einem Abendessen mit Steaks und Wein einluden. Wir kamen in Stimmung und waren bald ein
wenig angeheitert. Schließlich gingen wir nach oben in ihr Zimmer, damit ich sie
abfragen konnte. Die Hübschere von beiden war auch die Intelligentere; mit ihr kam
ich
schnell zu Rande. Die andere sprach nur wenig Englisch und reagierte langsam. Sie konnte
Rons Definitionen nicht genau wiedergeben, sie wußte auch nicht mehr, welche sich in
welchem Tonband fand. Ich machte es ihr so leicht wie möglich, praktisch sagte ich
ihr
die richtigen Worte vor. Trotzdem kam sie nicht mit.
Ich wurde ungeduldig. Meine Stimme begann erregt zu klingen, während ich versuchte,
sie
auf die richtigen Antworten zu stoßen. Doch während ich auf sie
einhämmerte,
bemerkte ich, wie sehr sie sich aufregte und durch meine Fragen durcheinander gebracht
wurde. Ihre Augen wurden glasig, ihre rosigen Wangen blaß, mir ging auf, was ich ihr
antat. "Machen wir eine Pause", sagte ich. Wir drei schauten uns verlegen an. "Ich
hätte Sie liebend gern bestehen lassen", sagte ich grausam, "aber ich wäre kein
guter Trainer, wenn ich Sie mit den falschen Antworten durchkommen ließe!"
Das R6 EW Material
R6 EW ist der Prozeß, durch den man ein Grad VI Release wird. Er bereitet einen
darauf
vor, den unter hoher Spannung stehenden Kern der Bank während des Clear-Kurses
anzugehen, ohne sich selbst zu gefährden.
R6 EW nimmt die meiste Spannung von den EWs fort. Nun enthält jede Phrase
113
oder Jedes RI in einem GPM einen Infinitiv oder ein Verb und ein Nomen.
Dies Nomen oder das Objekt des Infinitivs heißt End-Wort oder EW. Das EW ist der
weniger hoch geladene Teil des RI, da es nur ein EW pro GPM gibt. Aber das Verb kann in
mehreren oder in allen GPMs vorkommen. Damit ist es stärker geladen und würde
ganze Teile der Zeit-Spur in Unordnung bringen, wenn es restimuliert (= wieder in Kraft
gesetzt) würde. Daher haben wir uns mit den Solo-Kurs-Materialien große
Mühe
gegeben, um jedes Restim von stark geladenen Worten in der R6 Bank zu vermeiden, was euch
hinsichtlich eurer GPMs durcheinander bringen würde.
Wenn du deinen E-Meter aufgestellt hast und deine Formulare zurecht gelegt sind, nimm die
Einzel-Büchse in eine Hand, den Kugelschreiber in die andere. Dann stelle dir selbst
die Frage: "Was dramatisiere ich gerade?" Die Antwort muß in einem Nomen, dem EW
bestehen. Falls es kein Nomen ist, füge -heit hinzu. Falls dir zum Beispiel
einfällt, daß du "ein Junge sein" dramatisierst, dann konstruiere das Wort
"Jungenheit" oder "Jungenhaftigkeit" oder so ähnlich. Falls das eins deiner EWs ist,
zeigt die Nadel eine Reaktion, wenn du es laut aussprichst.
Wenn du ein EW gefunden hast, trag es auf eine kleine Karteikarte ein, ebenso, wie die
Nadel
reagiert hat. Dann mußt du das entgegengesetze Wort finden. Alle EWs kommen
paarweise
vor, plus und minus, es sind Dichotomien wie Langheit und Kurzheit. Notfalls darf das Wort
'un' vorgestellt werden, um den gegensätzlichen Begriff zu finden: 'Un-Jungen-heit'.
Wenn der Gegenbegriff durch Nadelreaktion gefunden und ein Paar zusammengestellt ist, wird
es links von dem ersten Wort auf die Karte geschrieben. Darauf wird es noch einmal auf
einer
zweiten Karte registriert, komplett mit Datum, Nadelreaktion und dem ersten EW. Die zweite
Karte wird dann auf die erste gelegt und beide werden mit einer Büroklammer
zusammengeheftet. Das ganze Verfahren ist ohne jeden doppelten Boden. Man muß nur
ein
EW und sein Gegenteil nach dem anderen suchen, wobei man ein Wörterbuch oder ein
Synonymlexikon benutzen kann, falls das notwendig ist. Anschließend registriert man
sie auf Karteikarten und legt jedes zusammengeheftete Paar auf den wachsenden Stoß
von
Karten. Das ist der ganze Prozeß: EW-Paare suchen. Es können hunderte werden.
Grübelt nicht über R6 EW, bevor ihr soweit seid. Wenn ihr bemerkt, daß
euch
Dramatisierungen einfallen, sagt: "Das wär's" und beschäftigt euch damit weiter,
woran ihr gerade gearbeitet habt. R6 EW wird allem körperlichem Leiden, dem ihr noch
unterworfen sein mögt, ein Ende setzen. Es ist ein leichter Prozeß. Korrekt
ausgeführt, ist es ein Spaziergang.
Die Schüler formierten sich paarweise, zu sogenannten Prüfungszwillingen, um die mit einem Stern versehenen Bulletins gegenseitig abzuhören. Wenn man mit dem Kurs schnell fertig werden wollte, war es wichtig, einen guten Zwilling zu haben. Manche Schüler kamen gleich zum Kern der Sache, andere verloren sich in Trivialitäten, obgleich Hubbard im HCOB "Die Theorie der Prüfung" deutlich dazu ermahnt hatte, der Prüfer solle nur die wichtigsten Punkte herausgreifen, anhand deren er entscheiden könne, ob sein Partner das betreffen-
114
de Dokument im ganzen verstanden habe. Die Klasse arbeitete auf Ehrenwort. Nach einer
Prüfung schrieb der Prüfer das Datum und seine Initialen auf dem
Prüfungsformular direkt neben das Tonband oder das Bulletin, um das es ging, und
attestierte so, daß er seinen Zwilling examiniert hatte und daß er bei ihm
hinreichendes Verständnis festgestellt habe.
Die Methode für die Durchführung der Prüfungen war genau vorgeschrieben,
ähnlich den Vorschriften beim Auditieren selbst. Die TRs mußten "in" sein, und
der Prüfer sagte "Stop!", wenn er aus irgendeinem Grund unterbrechen oder die
Prüfung beenden wollte. Innerlich fand ich dieses Ritual unerträglich. Mit dem
falschen Partner konnten die Prüfungen auf diese Weise zu einem Verhör dritten
Grades werden. Der Prüfer konnte eine gründliche, sogar wortgetreue Kenntnis
eines
Bulletins verlangen, bis zur letzten mikroskopisch kleinen Fußnote. Bei den
Schülern bestanden immer Zweifel, wieviel sie wissen sollten. Die meisten behielten
ihre Unsicherheit für sich, aber einmal hörte ich eine Diskussion mit, ob man
die
Abschnitte in Großbuchstaben oder nur die numerierten Sätze auswendig
können
mußte. Man war sich wirklich nie sicher. An der Wand des Solo-Klassenzimmers hing
ein
Schild mit der Aufschrift: EINES TAGES KÖNNTE DIR RON BEGEGNEN UND DIR EINE FRAGE
STELLEN!
Meine Verwirrung über dieses Labyrinth unzusammenhängenden Materials war so
groß, daß ich mich damit abquälte, bis ich fast krank war. Die Sorgen
wuchsen mir über den Kopf. Ich ertappte mich dabei, daß ich den Fortschritt im
Kurs mit meiner Selbstachtung verknüpfte — genau wie die anderen Schüler — als
ob
mein innerer Wert davon abhinge, daß ich schnell durchkommen würde. Das war der
Grund, weshalb mich die Bulletins so sehr quälten. Ich glaubte, es sei allein meine
Schuld, daß ich meine Zeit nicht besser ausgenutzt hatte.
Ich vertiefte mich noch mehr als bisher in das Kontroll-Formular. Auch am Wochenende ging
ich nirgends mehr hin. Weder nach London, um meine Freunde zu besuchen, noch nach
Brighton,
um den Ozean zu sehen. Ich hielt Fyfield Manor und seine Umgebung, die wundervolle
Landschaft, die sich schachbrettartig zum Horizont erstreckte, für ein mir
verschlossenes Paradies. Seit meiner Ankunft in England vor mehr als einem Monat hatte ich
keine sexuelle Regung mehr verspürt, ich kam nicht einmal auf die Idee, mich mit
einem
der hübschen Scientology-Mädchen einzulassen; schon der Gedanke war mir zuwider.
"Wenn das anhält, wenn ich wieder in New York bin, muß ich mir Sorgen machen",
dachte ich mir.
Schließlich beschloß ich eines Sonntags, daß ich Abwechslung brauchte.
Ich
gönnte mir einen Spaziergang, um mir die Bäume um Fyfield
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Manor und die dahinter liegenden Felder anzuschauen. Ich erneuerte meine Bekanntschaft mit dem Flü gel im Wohnzimmer und entdeckte zu meiner Freude, daß ich immer noch spielen konnte. Richie begeisterte sich an meinem Arrangement eines Strauß-Walzers und war wieder freundlich zu mir. Er erzählte mir von seiner Heimat in Australien, wo Mädchen "Sheilas" hießen und die Ureinwohner "Boongs".
Die sommerliche Invasion neuer Schüler war inzwischen in vollem Gang. Vom Kontinent kamen viele Anfänger, um die von Schülern des Sonder-Kurses umsonst angebotenen Unteren Grade zu absolvieren. Fyfield Manor war bald überfüllt. Dort waren nicht nur viele Leute des Solo-Kurses untergebracht; es war auch ein Sammelplatz für Rekruten auf dem Wege zur Org-Jacht irgendwo im Mittelmeer. Eines Abends lagen nicht weniger als dreißig Menschen in Schlafsäcken oder auf Matratzen auf dem Boden des Wohnzimmers. Einige der regulären Bewohner waren über diese Zustände verärgert und beschwerten sich bei Ralph Wilkins. Die Ethik-Abteilung ließ einen Bericht über die Bedingungen in Fyfield Manor anfertigen und das Gesundheitsamt in East Grinstead stattete uns einen Besuch ab.
In Edinburgh war vor kurzem die "Advanced Org United Kingdom" (= Fortgeschrittene Organisation für das Vereinigte Königreich) etabliert worden, eine Entwicklung, die die gewohnte Spannung im Hill auf einen fast unerträglichen Gipfel trieb. Die AOUK wurde allein von See Org-Mitgliedern geleitet. Zwei ihrer weiß gekleideten weiblichen Angestellten gingen eines Tages durch das College, um Anzahlungen auf den Clear-Prozeß und die OT-Stufen einzutreiben. Die meisten Schüler schrieben sich bedenkenlos für das Clearen und für alle acht OT-Stufen ein, und leisteten auf der Stelle beträchtliche Anzahlungen. Auch ich unterschrieb für das ganze Paket, obwohl ich nur ein Clear und OT I werden wollte. (Es hieß nämlich, OT I sei ein unbedingtes Muß, um den Clear-Status zu stabilisieren). Während ich das Formular unterschrieb, versuchte ich, die See Org-Mitglieder möglichst gewinnend anzulächeln; seit neuestem war es mir ungeheuer wichtig, bei diesen Leuten gut angeschrieben zu sein.
Die See Org-Vertreterinnen machten uns auch mit der Vorschrift bekannt, daß jeder von uns pro Woche mehrere Werbebriefe abschicken müsse. Die blauen Luftpost-Umschläge dafür bekam man beim Instrukteur. Wir mußten die Briefe unverschlossen in einem Korb auf seinem Schreibtisch lassen. Ich fragte mich, ob die See Org-Leute sie lasen, um sich zu vergewissern, daß wir gebührenden Enthusiasmus zeigten. Ich hatte keine Schwierigkeiten, Leute zu finden, denen ich schreiben konnte. Ich hoffte, Umberto überreden zu können; ich schlug
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ihm vor, nach England zu kommen, noch bevor sein Urlaub zu Ende ging. Einem Freund, der an Yoga interessiert war, schrieb ich: "Mann! Du findest keine Erleuchtung, wenn du in der Lotus-Stellung auf einem Berggipfel sitzt. Komm nach Saint Hill. ES IST ALLES HIER!"
Auch an meine anderen New Yorker Freunde gingen solche Briefe. Ich beschwor sie, in der Agentur ihr Grad IV Release zu machen, damit sie ebenso wie ich Zeugen der vollkommenen Entschleierung aller Geheimnisse des Menschlichen Geistes werden könnten. In einem besonderen, in Fyfield Manor abgeschickten Brief beauftragte ich meinen Börsenmakler, die Hälfte meiner Aktien zu verkaufen, die Dollar in Pfund Sterling zu wechseln und sie nach Barclay's Bank in Edinburgh zu schicken, für den Fall, daß sich die Notwendigkeit ergab, über den Status des Clear hinaus weitere Stufen zu absolvieren.
Mein Prüfungszwilling war ein amerikanisches Mädchen, das ebenfalls in Fyfield Manor wohnte. Wir nahmen uns ein ganzes Wochenende für die Prüfung und absolvierten sie außerhalb des College im Schatten eines riesigen alten Baumes. Am ersten Tag gingen wir den größten Teil des Materials durch, das ich im Dianetic-Kurs gelernt hatte, unter anderem "Die Eigenschaften des Suppressiven". Ich hatte nichts mehr davon im Kopf und am späten Nachmittag hatten wir beide schreckliche Kopfschmerzen.
Am nächsten Tag kamen wir zum geheimen Material des R6 Pakets. Und während wir uns langsam durch die einzelnen Punkte hindurcharbeiteten, begannen wir, uns immer selbstbewußter und lebendiger zu fühlen. Als wir es geschafft hatten, ergriff uns ein Gefühl der Freiheit und Sicherheit, ein Wohlbefinden, das fast schon Ekstase war, weil wir den schwierigen Stoff schließlich doch gemeistert hatten. Wir standen auf, nahmen unsere Aktentaschen und gingen den Pfad durch die prächtigen Wiesen zurück. So hatte ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht gefühlt: Mein Körper war ein Instrument, das ich völlig kontrollierte, mit dem ich voranschritt, wie es mir gefiel. Ich nahm die Brille ab und freute mich an den kleinen bunten Blumen zu unseren Füßen, meine Augen schienen bei jedem Schritt schärfer zu sehen, und ich sprach mit meiner Begleiterin mit einer Stimme, die eine Oktave tiefer als gewöhnlich klang. Damals wußte ich: DAS WAR ES! Und diese Worte durchstömten mein ganzes Wesen: Gott, ein Clear muß sich genauso fühlen ... für immer!
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Albert Albert
Ein völlig irrer Thetan ist weit mehr bei Sinnen, als ein normaler Mensch. Aber das werdet ihr beim Auditieren selbst feststellen.L. RON HUBBARD
Ein finster wirkender Mann von etwa fünfzig Jahren saß eines Abends mit uns am Eßtisch. Er war ein PTS 3 (= eine mögliche Quelle von Schwierigkeiten des dritten Gefahren-Grades). Albert Albert hatte beim Clear-Kurs durchgedreht und war jetzt für 24 Stunden unter Beobachtung. Richie und zwei Mitglieder des Hill-Stabes paßten abwechselnd auf ihn auf. Im Gegensatz zu Sam Veach konnte man Albert nicht einen kooperationswilligen PTS 3 nennen. Er saß still am Tisch, ohne jemanden anzureden oder anzuschauen. Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck von geradezu transzendentaler Selbstzufriedenheit, als ob er der Welt um ihn herum voller Trotz erklären wollte: "Ich war von Anfang an im Recht."
Es hieß, Albert Albert wolle nach Amerika zurück reisen, könne sich aber nicht entschließen, Fyfield Manor zu verlassen. Ralph hatte verzweifelt versucht, ihn zum Umzug in ein Hotel in der Stadt zu über- reden. Ralph war es leid, daß die Organisation ihm Leute auf zwang, mit denen sie nichts anfangen konnte. Auch die Bewohner des Manor hatten es satt, daß ihre Unterkunft ein Sammelplatz für PTS 3 Leute wurde.
Nach dem Essen saß ich mit einigen OT VI Leuten in der Küche, während sich Richie auf dem Korridor aufhielt, um Alberts Türe im Auge zu haben.
Erstmals hörte ich von der "Feuerwand"
reden. Diesen Beinamen hatte man dem OT III Prozeß gegeben. Olga O'Brian und
Mike Glassmann waren gut und schnell durch diese Gefahr hindurch gekommen,
als sie den Prozeß auf der See Org-Jacht absolvierten. "Es war wie ein
Drahtseilakt über einem Feuerschlund", sagte Olga.
"Ein Ausrutscher und man verbrennt darin."
"Der Prozeß, den wir absolvieren mußten, war
schon eine harmlosere Version", sagte Mike. "Ron hat den ursprünglichen
überarbeitet, weil dabei zu viele Leute ausgeflippt sind. Vielleicht ist
Albert Albert in so etwas aus Stufe III hineingeraten ..."
Schließlich hatte Ralph den Wagen vorgefahren, um Albert in die Stadt zu fahren.
Aber es gelang ihm nicht, den kranken Mann dazu zu überreden, sein Zimmer zu
verlassen. Selbstbewußt marschierte Mike durch den Flur und gab Albert
Kommandos im sogenannten
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"Ton 40", wie sie Auditoren gebrauchen, wenn sie ihre äußerste Entschlossenheit ausdrücken wollen. Doch das machte keinen Eindruck. Olga versuchte es auf die sanfte weibliche Tour. Aber nichts auf der Welt konnte Albert in den Wagen bringen. Keiner von uns wollte Gewalt gegen einen Irren anwenden, obwohl Richie für den Notfall einen dicken Knüppel bei sich trug. Richie hatte rotgeränderte Augen. Er war nach zwei durchwachten Nächten ziemlich nervös. Er glaubte, Albert und die ganze Organisation hätten es auf ihn abgesehen. Am nächsten Morgen sagte man mir, Albert habe Fyfield Manor freiwillig in einem Taxi verlassen. Ich hörte nie wieder von ihm.
Zum Abschluß des theoretischen Teils schrieb das Kontroll-Formular vor, daß wir Ton-Demos des R6-Prozesses anfertigen mußten. Diese Modelle sollten das Verständnis für das Konzept in geradezu magischer Weise verbessern. Leider nicht für mich. Eine verbale Darstellung wäre mir lieber gewesen. Trotzdem war es ein wohltuendes Gefühl, mal eine Zeitlang stehen und mit dem feuchten Ton herumspielen zu können. Wir mußten Modelle eines GPM (= Goals, Problems, Mass: Ziele, Probleme, Masse) anfertigen. Die Resultate waren jeweils dem Modell von Ron in dem Film bemerkenswert ähnlich: Tonkugeln auf einem Boot.
Als ich gerade beim Modellieren war, fiel mir etwas aus Hubbards Bulletins ein. Es ließ mir keine Ruhe. War es eine Bär- oder eine Gorilla-Einprägung, gar eine Spinne?
Ich verließ den Töpfertisch und blätterte die Pakete E bis H nochmals durch. Falls ich das richtige Bulletin fände und den Text einige Male läse, würde es mich nicht mehr beschweren. Doch ich fand es nicht. Einigermaßen nervös kehrte ich zu den Tonfiguren zurück. Um EWs darzustellen, rollte ich zwei männliche Figuren aus, eine stehende mit dem Schild "Stehend-heit", und eine liegende, "Liegend-heit". Ich gab dem Instrukteur ein Zeichen, daß ich ein Demo zur Inspektion fertig hätte. Nach einem Blick auf die Schildchen brauste er auf: "Mann Gottes, das sind stark geladene restimulierende Worte! Gebrauchen Sie doch mal Ihren Verstand. Lassen Sie ja nicht noch einmal gefährliches Material wie dieses herumliegen!" An jenem Nachmittag wurde ich krank. Der Töpfertisch stand im Zug. Ich fühlte mich heiß und fiebrig, und um sechs Uhr hatte Ich nur noch den Wunsch, ins Bett zu kommen.
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Ich erwachte früh am nächsten Morgen und konnte nicht mehr ein schlafen. Ein böser Geist hielt mich wach und zwang mich, über die bevorstehende Solo-Audition zu grübeln. Ich lag zitternd unter der Decke und dachte an all die Wörter, die ich dramatisieren mußte. Einige der Worte endeten auf -heit. Zum Beispiel "Unzufrieden-heit". Schon seit Monaten saß ich nun in Sussex fest, weitere Monate des Lernens würden vermutlich noch folgen, in denen ich mich von den Straßen der Städte und von meinen alten Freunden fern halten mußte, erheblichen Unbequemlichkeiten unterworfen, außerdem einer strengen Disziplin, die mir keine Zeit für mich selbst übrig ließ. Während meines Aufenthaltes hatte ich mir alles versagt, was für mich zum Leben gehörte, sozusagen als Test meiner Entschlossenheit. Während ich jetzt im kalten Morgenlicht darüber nachdachte, wurde mir bewußt, wie einsam mein Leben hier war. Allmählich erhellte die aufgehende Sonne das Zimmer, in den Baumwipfeln lärmten die Vögel. In diesem Moment durchlief ein Zittern wie ein Stromstoß meinen Leib: es war pure Angst. Der Schock hüllte mich ein, das Gefühl der naßgeschwitzten Decke an meinen Beinen war mir zuwider. Der scharfe antiseptische Geruch der englischen Seife auf dem Fensterbrett stieg mir in die Nase. Das schrille Geräusch eines elektrischen Rasierapparates im Raum unter mir störte mich. Zusammengenommen paßten alle diese Widerwärtigkeiten zu der primitiven Furcht, die aus der Bank meines reaktiven Geistes auf mich hernieder stürzte.
Ich wollte rauchen, im Aschenbecher stöberte ich nach einer Zigarettenkippe. Dann versuchte ich noch einmal zu schlafen. Schließlich ging ich nach unten, in der Hoffnung, im Wohnzimmer ungeleerte Aschenbecher zu finden. Um sechs zog ich mich an und machte mir eine Tasse Tee. Nachdem ich jetzt völlig aufgewacht war, wurde mir der Grund für meine Sorgen deutlich. Ich war dem reaktiven Geist dicht auf der Spur, fast berührte ich schon seinen Kern, und die gefährliche Kluft lag direkt unter mir. Schon mehrfach hatte ich den Ausdruck: "Den Tiger bekämpfen" gehört. Jetzt ging mir auf, was dieser Ausdruck bedeutete: ich bekämpfte den Tiger des reaktiven Geistes. Ron vertrat die Ansicht, ein Thetan sei im Prinzip stärker als die Bank. Vielleicht würde es sehr anstrengend sein, während des Solo Auditierens mit wenig Schlaf auszukommen, aber schließlich würde ich die Krallen des Biestes ausreißen und meine Angst besiegen.
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Im Laufe des gleichen Tages erhielt ich die Erlaubnis des Instrukteurs, zum Büro für Zeugnisse und Belohnungen zu gehen, und mir attestieren zu lassen, daß ich das notwendige Wissen über die zum theoretischen Teil des Solo-Kurses gehörenden Tonbänder und Bulletins hatte. Der Termin, an dem das Attest erteilt worden war, wurde in meinem Kontroll-Formular festgehalten, und ich erhielt ein Zeugnis, aus dem hervorging, daß Ich qualifiziert war, mit den praktischen Übungen zu beginnen. Ein Teil der auf dem Kontroll-Formular aufgeführten Übungen war mir aus dem Dianetic-Kurs schon vertraut. Darunter die TRs und die ersten der insgesamt 27 E-Meter-Übungen. Offenbar war es ihr Schicksal, auf jedem Kontroll-Formular bei jedem Scientology-Kurs wieder aufzutauchen. Ich fand schnell einen Partner und wir saßen uns bald an einem Tisch gegenüber, sahen uns gemäß TR 0 an und waren "einfach da".
Edward Douglas, der australische OT I, der in Fyfield Manor wohnte, war berühmt wegen seines TR 0. Ich überredete ihn, mir eine Nachhilfe-Stunde gleich nach dem Abendessen zu geben. Er nahm mich mit in sein Zimmer und verschloß die Tür. Wir plazierten Bücher, Lampen und Koffer so, daß wir einen Tisch und zwei Stühle in der richtigen Auditionsposition aufstellen konnten. Ich schaute genau zu, als Edward feierlich durch das Zimmer lief und alles vorbereitete. Als nächstes stellte er den E-Meter überpräzis auf, eine Angewohnheit, die er während seines jahrelangen Trainings angenommen hatte. Dabei wurde der Meter nicht einmal gebraucht, aber er gab der Übung die Atmosphäre einer Auditionssitzung.
Edwards TR 0 beeindruckte mich. Er verzichtete auf den "Stierkampf" und er konzentrierte sich darauf, mich in schweigender Kommunikation mit sich zu halten.
"Falsch, Sie haben mich mit Ihrem linken Ohr konfrontiert", sagte er etwa, oder: "Falsch, Sie haben Ihr Wesen aus dem Zimmer verschwinden lassen."
Ich fragte ihn, was diese Korrekturen bedeuteten. Er erklärte mir, daß er — wann immer er bemerke, daß sich meine Aufmerksamkeit einem Teil meines Körpers oder einem anderen Gegenstand zuwende — verpflichtet sei, mich darauf aufmerksam zu machen. "Die fehlende Konzentration beruht nicht auf mangelnder Aufmerksamkeit des Thetan, sondern auf dem Verhalten des reaktiven Geistes", fügte er hinzu. "Mein Ziel beim TR 0 ist es, Sie in die Gegenwart zu holen. Sie müssen mich nur mit sich selbst und mit sonst nichts konfrontieren." Mein Partner im Kurs war ein Mann, der gut zu mir paßte. Eigentlich
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kam er aus Ost-Texas, jetzt war er Mitglied der Org an der Westküste. Er hatte Heimweh nach seiner Familie in den Staaten und fand wie ich — nicht genügend Schlaf. Da wir beide an nichts anderes dachten, als den Kurs abzuschließen, einigten wir uns, jeden Abend und an den Wochenenden zusammenzukommen; wir wollten uns bemühen, die dazu erforderlichen Mitfahrgelegenheiten zum College gemeinsam zu erkunden. Ich konnte von Glück sagen, daß mein Partner mich die ersten E-Meter-Übungen nicht unzählige Male wiederholen ließ, bevor er sie mir quittierte. Es versetzte mich ohnehin in Ärger, daß ich Übung Nr. l überhaupt durchführen mußte. "Berühre den E-Meter und lasse ihn wieder los", so lautete die Instruktion. Übung Nr. 2, "Sich mit dem E-Meter vertraut machen", bestand aus einer nicht enden wollenden Serie von Kommandos zum Bedienen der Knöpfe, die wiederholt, werden mußten, bis der Schüler sie völlig fehlerlos ausführen konnte. Eine ganze Stunde verbrachten wir mit einer Übung, bei der der Trainer den Auftrag hatte "zu stöhnen, zu gähnen, tief zu atmen, zu husten, zu lachen, die Hände zu bewegen, sich zu krümmen, sich auf dem Stuhl herumzuwerfen, sich zu entspannen, oder die Elektroden fest anzufassen, die Füße zu bewegen oder sonst die Körperhaltung zu verändern". Der Zweck dieser Übung war, uns beizubringen, daß wir zwischen E-Meter Reaktionen, die durch Körperbewegungen und solchen, die durch die Bank des Preclear verursacht wurden, unterscheiden konnten. Die Nervosität des Schülers steigerte sich noch erheblich, wenn er bei Nr. 12 anlangte, einer Übung, in der er die verschiedenen Arten von Nadel-Reaktionen unterscheiden lernen mußte. Jede Veränderung im Verhalten der Nadel gilt als Nadel-Reaktion. Das kann eine stehende Nadel sein, die sich plötzlich zu bewegen beginnt, eine sich bewegende Nadel, die stehen bleibt, oder eine Veränderung in der Richtung oder im Tempo einer sich bewegenden Nadel. Es ist nicht einfach, Schlüsse aus solchen Nadel-Reaktionen zu ziehen Während einer Auditions-Sitzung ergeben sich die Reaktionen infolge von Auditions-Fragen oder durch die Punkte auf den Listen. Um authentisch zu sein, muß die Reaktion genau am Ende der letzten Silbe erfolgen. Jede Reaktion davor gilt als verfrüht und jede danach als verspätet. Außerdem muß man sich immer bemühen, die schon erwähnten Körperreaktionen zu vermeiden. Da die leichteste Abweichung im Verhalten der Nadel ein echte Reaktion andeuten kann, etwa wenn die Nadel während einer Frage oder eines Satzes schon wild tickt, ist es oft unmöglich, genau festzustellen, ob sich die Reaktion direkt nach der letzten Silbe ereignet hat. Darüberhinaus gibt es
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18 Arten von Nadelreaktionen, mit denen man vertraut sein muß, und von denen einige sich mit anderen zu überlappen oder überflüssig zu sein scheinen: "Steckenbleiben, Null, Fallen, Veränderung der Charakteristik, Steigen, Thetasprung, Schaukel-Ende, freie Nadel, Position vier, Raketen-Reaktion, Saubere Nadel, Schmutzige Nadel, Ticken, Schnelles Steigen, Schnelles Fallen, Langsames Steigen, Langsames Fallen, Stoppen."
1. Fallen: Verluste; Lügen; gegenwärtige
Probleme; Festgefahrenes; fehlende Übereinstimmung mit einer
Realität.
2. Steigen: Ausweichen; ein ARC-Bruch;
Restimulation (= Wiederaufrühren eines Engramms); Unwirklichkeit; Furcht,
die außerhalb der Sitzung entstanden ist; Ver-antwortungslosigkeit;
Identifizierung; Abwesenheit; Zerstreuung und Verwirrung.
3. Steckenbleibende Nadel: Betrug; Ärger,
gestoppt oder stoppend; Haß; fixierte Aufmerksamkeit; versagte Hilfe;
verweigerte Hilfe; Entsetzen und Versagen.
4. Thetasprung: Aus dem Körper sein;
Wirkungen; Wunsch, etwas zu verlassen; heftige Verletzungen und Schocks.
5. Schaukel-Ende: Die Bereitschaft, ein
Overt zu begehen (= falsche Meinung, einen verborgenen Akt zu
begehen).
6. Keine Reaktion: Alles, was destimuliert
(= beruhigt); oder entladen wurde; oder was inaktiv ist.
7. Änderung der Charakteristik: Jeder der
obengenannten Punkte.
8. Ein freie Nadel: Sie wird im Wege des
Eliminierens demonstriert. Wenn der angehende Auditor in der Lage war, alle
obengenannten Nadelreaktionen zu bewirken, dann war die Nadel keine "freie
Nadel".
Um diese Reaktionen zu erzielen, benutzen die Schüler eine Liste von Scientology-Fachausdrücken und die Namen oder Abkürzungen von Abteilungen der Scientology-Organisation. Hubbards Name ist dabei eingeschlossen und der seiner Frau, Mary Sue, die an Bedeutung gleich nach ihm kommt. Jede Spannung bei diesen Reizworten können ein Zusammenfließen der Reaktionen bewirken. Das wird eine schmutzige Nadel genannt und stellt sich als ein Netz kleiner Nadelausschläge dar. Eine schmutzige Nadel kann auch alles Mögliche sonst bedeuten, angefangen bei einem massiven ARC-Bruch bis zu einer Fliege, die um das Gesicht des Preclear herumsummt, oder wenn er sich ärgert, weil der Toast beim Frühstück ein wenig angebrannt war. Wenn eine schmutzige Nadel nicht saubergemacht wird, indem man aufdeckt, was sie verursacht hat, dann steigt sie langsam auf die linke Seite der Skala. Das wiederum erfordert ein Nachstellen des Tonknopfes nach rechts, um die Nadel zu zentrieren. Dadurch werden auf der Stimmungsskala die Punkte vier und fünf überschritten. Dann setzt sich die Nadel, das heißt, sie bleibt stehen oder zittert in millimetergroßen Ausschlägen wie das Klopfen eines bloßgelegten Nervenendes. Wenn andererseits die Nadel extrem nach rechts ausschlägt und dort stehen-
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bleibt, als ob sie aus der Skala fallen wollte, dann bedeutet das, daß viel Spannung aus der reaktiven Bank abgelassen worden ist. Ein kräftiges Nachstellen des Tonknopfes nach links wird dann erforderlich, um die Nadel wiederum zu zentrieren. Das wird als "blowdown" bezeichnet. Preclears haben oft Erkenntnisse und schwebende Nadeln im Anschluß an ein solches Blowdown, vor allem dann, wenn es stark genug war, um auf der Stimmungsskala die Anzeige von vier oder mehr in die Gegend zwischen zwei und drei zu senken. Diese Ziffern auf der Skala für die Stimmungsanzeige heißen TA. Man hat einen hohen oder niedrigen TA, je nachdem, wieviel Restimulation vorhanden ist. Schlechte TRs — schlechte Manieren des Auditors — lassen den TA bis zur Ziffer fünf oder noch weiter steigen. Ein Lächeln oder die richtige Frage drückt es auf zweieinhalb zurück, den Punkt der Release. Während einer Auditionssitzung werden die TA-Reaktionen in den Formularen periodisch als Nachweis des Fortschritts notiert. Die Schüler, die ich beobachtete, neigten dazu, ihre TA-Reaktionen noch persönlicher aufzufassen, als eine schmutzige Nadel oder eine andere E-Meter-Reaktion. Sie assoziierten das mit ihrem augenblicklichen geistigen oder seelischen Zustand (vor allem, wie gut sie in der Scientology vorankamen). Hubbard betonte, es sei der Zweck eines bestimmten E-Meter-Drills, den Schülern beizubringen, daß "der E" Meter auf Gedanken und Ablehnung reagiert". Natürlich wollte niemand sich einer ablehnenden Haltung schuldig machen. Zusätzliche Spannung entstand durch das Wissen, daß wir beim Solo-Auditieren die Daten über Nadel- und Ton-Knopf-Reaktionen an uns selbst anwenden würden.
Jeden Morgen von drei Uhr an lag ich in absoluter Panik wach. Ein neues Symptom hatte sich bemerkbar gemacht: ein Schmerz, der durch meinen Kopf schoß und sich in einem Punkt hinter dem rechten Auge sammelte, wie Stiche mit einem Eispickel. Es erinnerte mich an Rons Beschreibungen von Engrammen, die vor der Geburt entstanden waren. Mein Grübeln über die Dramatisierungen wurde immer weitschweifiger: es paßt zu diesen Symptomen, zum Beispiel "Stechen-heit, Gespannt-heit". Ich versuchte, diesen Wahnsinn mit dem Trainingskommando "Das wär's" zu stoppen. Ich muß dieses Kommando dutzende Male jede Stunde wiederholt haben. Gelegentlich verließ ich das Bett, um nach Zigaretten zu suchen. Ich sehnte mich, daß es sieben Uhr wurde, weil um diese Zeit die Köchin Marilyn unten mit der Vorbereitung des Frühstücks begann. Sie arbeitete, um ihren Mann zu unterstützen, während er den Spezial-Kurs absolvierte. Sie war eine warmherzige und freundliche Frau, die einzige, mit der ich Lust hatte,
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über die eher unvernünftigen Handlungen der See Org-Besatzung zu reden, wobei ich meine Bemerkungen allerdings möglichst diskret und unbestimmt anbrachte. Ich sprach nicht vom Kampf gegen den Tiger, obgleich sie wußte, daß ich nicht gut schlief.
Beim Frühstück schluckte Edward Douglas jeden Morgen Vitamin E und eine große Pille, die GUK-Bombe genannt wurde. Vielleicht war es mein Fehler, daß ich diese Pillen nicht gleich genommen hatte. Ich entschloß mich, Edward über meine Schlaflosigkeit zu informieren und ihn um seinen Rat zu bitten. Er schien zu wissen, was ich durchzumachen hatte. "Das ist eine Falle", sagte er, dabei schaute er mir direkt in die Augen. "Die Bank liefert dir ein hartes Gefecht, damit sie nicht zerstört wird. Du bist schon nahe dran, mein Freund. Ich möchte zu gern dabei sein, wenn du clear wirst." Er lächelte und schlug mir auf die Schultern. "Man wird dich bis London Klavier spielen hören."
Ich fing an, mich immer stärker an Edward anzulehnen. Wenn wir uns trafen, tauschten wir bedeutungsvolle Blicke aus, lächelten und klopften uns auf die Schultern. Ich fühlte, daß mein Kampf ihm irgendwie half, mein endgültiger Erfolg würde auch für ihn ein Gewinn sein. Es machte mich traurig, daß ich das Geld für die oberen Stufen hatte, während er schwitzte und auf den Erlös aus dem Verkauf seines Hauses in Australien wartete. Hinzu kam, daß er allmählich taub wurde. Zwar war ich erstaunt, daß ein OT I in dieser Weise benachteiligt war, doch ich glaubte, daß er sein Gehör wiedererlangen würde, wenn er es sich leisten könnte, die Stufen OT II oder III zu absolvieren.
Auch von Max Dinmont ließ ich mir Trost spenden, dem OT VI, der mich morgens gewöhnlich zum College fuhr. Ihm sagte ich, wie schlecht es mir jeden Morgen ginge. Er lächelte und antwortete: "In Ordnung, Sie können also morgens nicht mehr schlafen." Das Lächeln war nicht restimulierend. Es schien auszudrücken: "Ich bin nicht befugt, dir zu sagen, was ich durchgemacht habe, bis ich meinen Weg zum Gipfel gegangen bin. Aber du darfst sicher sein, daß ich deine Situation verstehe. Ich lächle nur aufgrund meines Wissens über den Zustand, dem du dich jetzt näherst." Sein Lächeln wischte meine Sorgen sofort fast völlig fort. Arm in Arm gingen wir zum Wagen.
Als OT VI war Max ganz anders als Mike Glassman und Olga O'Brian. Eines Abends hörte ich nach dem Abendbrot zufällig einen Wortwechsel zwischen Mike und Max. "Könnten Sie nicht manchmal morgens warten, wenn Olga sich ein paar Sekunden verspätet, und sie zum Hill mitnehmen?" dröhnte Mike mit befehlsgewohnter Stimme.
"Ich fahre jeden Morgen genau um 8.40 Uhr los", sagte Max in einem
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ruhigeren, aber ebenfalls eindrucksvollen Ton. "Wenn sie unten ist, nehme ich sie gern mit. Wenn nicht, muß sie sich eine andere Fahrgelegenheit suchen."
"Kapiert!" bestätigte Mike. Jeder Satz der beiden war klar, genau umrissen und schneidend wie ein Torschuß. Ich konnte den Druck der "Energie und Masse", die durch das Eßzimmer geschleudert wurden förmlich spüren. Die Luft vibrierte von der Kraft dieser OT VII-1 Titanen, die — auch wenn sie alle Regeln einhielten, alle TRs und Bestätigungen — einander offen haßten. Ein anderer Vorfall in der gleichen Woche steigerte meine Bewunderung für Max noch mehr. Er mußte scharf bremsen, um in der Nähe des Saint Hill einen Zusammenstoß mit einem anderen Wagen zu vermeiden. Im gleichen Augenblick fuhr ihm ein dritter Wagen ins Heck. Ein kräftiger junger Mann steckte seinen zornroten Kopf durch Max" Fenster. "Ein bißchen unvorsichtig gebremst, was Chef?" Max wartete einige Sekunden, ließ die in den Worten mitschwingende Drohung verebben, und sagte dann sehr gelassen: "Das glaube ich nicht." Diese Bemerkung war so klar umrissen, so ohne jedes Drumherum, daß der junge Mann, mit einem Ausdruck wie eine vom Schlagbolzen getroffene Kuh, sich abwandte und zu seinem Wagen ging. Max war sehr menschlich, trotz seiner außerordentlichen OT-Qualitäten. Er liebte es, von seiner Tochter in Kalifornien zu erzählen, dem guten ARC, den er mit seinem Wagen hatte und von seinen früheren Experimenten mit Diäten und Fastenkuren.
Die meisten Schüler, die im Fyfield Manor wohnten, näherten sich, dem Solo Auditieren. Allgemein war man nervös beim Näherrücken dieses Kulminationspunktes von fleißigem Studium, Training und Seelen-Erforschung. Je näher der Zeitpunkt heranrückte, umso gespannter und nervöser wurden alle. Die letzte Strecke war fast mehr : als man ertragen konnte. Die äußeren Hüllen des gefährlichen Kerns der Bank waren gefallen — es war, als ob wir in Kollektiv-Wehen lägen, sagte ich mir. Viele waren krank. Keiner sprach viel darüber, aber aus zufälligen Bemerkungen konnte man sich viel zusammenreimen. Für die Krankheiten mußte es Gründe geben. Irgendwer war dafür verantwortlich: Rons Anweisungen waren nicht bis zum letzten ausgeführt worden und wir alle mußten darunter leiden. Vielleicht war es die schlechte Ethik von Ralph Wilkins. Fyfield Manor war von den PTS 3-Leuten angesteckt, vor allem von Albert Albert. Das Haus schien verwünscht. Viele grübelten mehr als früher über ihre Geldsorgen, da sie nun über OT III aufgeklärt waren. Vor uns lagen Dinge, zu schrecklich, um darüber zu reden, und viele, die nur nach England gekommen waren, um den Clear-Prozeß zu absolvieren, brauchten
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jetzt noch mehr Geld, um die Feuerwand zu riskieren und durch ihre Krankheit hindurchzubrechen.
Das Buch der E-Meter-Übungen" enthält eine Check-Liste. Ein Schüler geht die Liste durch, indem er die einzelnen Punkte seinem Partner vorliest, bis einer eine Nadel-Reaktion auslöst. Das ist der Punkt mit der stärksten Spannung. Es gibt Listen von Ländern, Bäumen, Früchten, Gemüse, Blumen, Kräutern, Tieren, Musikinstrumenten, ferner unangenehme Tiere wie Taranteln, Asseln, Tintenfischen, Hakenwürmern, Elefantenrüssel-Würmern. Der letzte Punkt machte mir Kummer; obgleich ich nie von einem solchen Wurm gehört hatte und bezweifelte, ob er im Lexikon stand, erzielte ich eine starke Nadel-Reaktion dabei.
Die letzte Übung heißt "Spur-Datieren." Die dabei angewandte Methode ist die Einklammerungstechnik. Der eine Schüler sagt zu dem, der die Büchsen in der Hand hat: "Ich werde das Jahr (...) einklammern. Ist das von Ihnen gewählte Datum größer oder kleiner als (...)?" Wenn er eine Nadel-Reaktion feststellt, weiß er, was von beidem gilt und kreist das gedachte Jahr immer mehr ein, wobei er immer kleinere Abstände wählt, bis er schließlich beim exakten Datum, der Stunde, der Minute und der Sekunde ankommt. Der Schüler, der den Auditor spielt, muß äußerst gewandt sein, wenn er die ein geklammerten Ziffern notiert, Nadel-Reaktionen feststellt, die korrekten Punkte markiert und das nächste Einklammern vorbereitet; bei alledem muß er seine TRs beibehalten. Zweck der Übung ist es, Daten früherer Existenzen erkennen zu lernen. Die Jahreszahlen in den Klammern gehen in die Billionen und Trillionen.
MEST-Wesen — unfähig einen Theta Status in Abwesenheit von Dianetikern wieder zu erlangen, hassen Theta-Wesen.L. RON HUBBARD
Die Nachbarschaft von East Grinstead könnte die Ursache der Krankheit sein. Bei einem Spaziergang durch die Stadt an meinem ersten Wochenende in Sussex beobachtete ich Scientologen auf der Hauptstraße, die den Einwohnern Bücher und Pamphlete entgegen hielten. Die meisten Bürger hielten die Scientologen für leicht gestört — mit ihren verschlossenen Aktentaschen, ihren Abzeichen ("Bitte stellt mir
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keine Fragen...") und ihren lästigen Werbemethoden. Die Scientologen ihrerseits waren ihnen auch nicht freundlich gesonnen. Sie verachteten die Bürger, nannten sie hinter ihrem Rücken Barbaren und etikettierten die ganze Stadt als suppressiv. Für einen Scientologen hatten solche Leute etwas korruptes und ansteckendes. Das Wort "suppressiv" hatte den Beigeschmack einer bösen Macht. Ich neigte dazu, solche Ansichten beiseite zu wischen. Die schlechten Wellen kamen nicht aus der Ferne, auch nicht von Leuten, die eins unter uns lebten. Die Quelle der Schwierigkeiten befand sich innerhalb der Mauern von Fyfield Manor selbst. Ich beobachtete die anderen. Es war einfach genug: Sie waren übernervös, hatten ihre Stimmungsskala sinken lassen und damit ihre Widerstandsfähigkeit gegen Krankheilen. Bis zur Lösung ihres Problems durch den Solo-Auditionskurs ließen sie sich von ihrem reaktiven Geist überwältigen und schoben äußeren Kräften die Schuld für ihre Schwierigkeiten zu. Sie hatten wie Ron es nennen würde, eine Bank-Abmachung. Aber ich? Mir war. das ja bewußt, das konnte es also nicht sein, was mich krank machte. Vielleicht war es Edward.
Ein Freund und Bewunderer konnte einen weit tiefer in den Staub ziehen als der übelwollendste Feind. Etwas in unserer Beziehung war ungeklärt. Er wollte etwas von mir, und ich wußte nicht, was es war. Und jetzt, als ich mir erlaubte, darüber nachzudenken, erkannte ich daß sein Lächeln und sein bedeutungsvolles Starren in meine Augen hintersinnig waren. Er beschäftigte sich zu verbissen und zu ernst mit der Scientology, und das war etwas, das Ron auf gar keinen Fall wollte ... der fröhliche Ron, der sich gemütlich durch seine Tonbänder lachte. Es konnte gut sein, daß Edward etwas zu verbergen hatte. In Verbergen seiner suppressiven Tendenzen war er sehr geschickt, sein freundliches Gesicht war die Maske eines Teufels ...
Nach den praktischen Übungen waren wir auf uns selbst gestellt. Ich ließ mir die Übungen attestieren und begann mit der letzten Vorbereitung für das Solo-Auditieren: dem Anfertigen von Formularen für Auditor-Berichte. Der Auditor-Bericht enthält den Rahmen der Sitzung: die Namen des Preclear und des Auditors, das Datum, den jeweiligen Prozeß, den Zustand des Preclear, die Abstimmungs-Knopf-Anzeige zu Beginn der Sitzung und die in der letzten Sitzung erzielten Fortschritte. Nach dem Auditor-Kommando "Die Sitzung beginnt" geht man von dem Auditor-Bericht zu einem Arbeitsblatt über das eine detaillierte Übersicht über den Gehalt der Sitzung wiedergibt. Dort werden Blowdowns, schwebende Nadeln und Erkenntnisse festgehalten, ebenso alles, was der Preclear sagt, wobei man in diese
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Fall ja selbst der Preclear ist. Nach dem Ende der eigentlichen Sitzung nimmt man sich den Auditor-Bericht noch einmal vor. Die wichtigsten Vorgänge auf dem Arbeitsblatt werden auf dieses Formular übertragen, eingeschlossen eine Kennzeichnung des Zustandes des Preclears. Schließlich muß der Auditor noch einen zusammenfassenden Bericht schreiben, aus dem der Instrukteur mit einm Blick ersehen kann, was auf der Sitzung vor sich ging.
Der Instrukteur erklärte meine Formulare für in Ordnung und ließ mich Solo-Vorbereitungen machen. Sie umfaßten die Aufgabe, die eigene unsaubere Nadel rein zu machen, ferner das Bewältigen von Gegenwart-Problemen und von ARC-Brüchen. Damit hatte ich keine Schwierigkeiten. Um die Stimmungsskala-Anzeige, den TA, auf einen annehmbaren Punkt zu bringen, sagte ich: "Runter mit dir, du Miststück!" Sofort reagierte die Nadel mit einem langen Fallen nach rechts, wodurch der TA sofort von vier auf zweieinhalb absank, ein "Blowdown."
Während der Mittagspause sah ich einen Mann ohne Namensabzeichen in der Nähe des Schlosses. Ich erinnerte ihn an die entsprechende Anordnung. Er sagte: "Ich gehöre nicht hierher. Ich warte nur auf meine Mutter." Ich sagte nichts weiter. Ich hatte nicht gezögert, ihn anzusprechen, obwohl uns niemand beobachtete. Fürchtete ich Strafe oder war es Pflichtgefühl? Ich war nicht sicher. Ich berührte mein eigenes Namensschild. Seit mehreren Wochen hatte ich es ständig getragen. Ich hatte mich schon völlig angepaßt, aber ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich würde sowieso bald abreisen.
Um sechs Uhr an dem Morgen, an dem meine Solo-Audition begann, ging ich die Auffahrt zum Fyfield Manor hinunter. Das war besser als im Bett zu liegen und gegen die Panik anzukämpfen, die unbekannte Mächte in mir entstehen ließen. Auf beiden Seiten der Straße waren die riesigen Bäume, ruhig und friedlich, mit den Farbtupfen der Blüten, die sich in der Morgenluft wiegten. Autos und Lastwagen fuhren auf der Fernstraße nach London vorbei. Ich sah ihnen zu, wie sie über einem Hügel verschwanden. Einen Moment lang dachte ich an Flucht. Ich konnte meine Koffer packen und in zwanzig Minuten dort drüben sein, um nach London zu trampen. Niemand würde mich aufhalten. Statt dessen kehrte ich um und ging langsam zum Manor zurück.
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Nach dem Frühstück blieb ich zurück, um allein mit meinem E-Meter zu sein. Nachdem alle fort waren, ging ich nach oben in mein Zimmer, verschloß die Tür und legte mir alle notwendigen Dinge zurecht, wie ich es mir so oft vorgestellt hatte. Bericht-Formulare und Arbeitsblätter wurden auf die eine Seite des Pultes neben den E-Meter gelegt, ferner eine Check-Liste, falls ich eine schmutzige Nadel bekam. Ein englisches Wörterbuch und ein Synonym-Lexikon lagen leicht erreichbar auf dem Bett. Ich stellte den Meter an, füllte den Kopf des Formulars aus, testete die Einzelbüchse, zentrierte die Nadel und las die erste TA-Reaktion ab. Endlich ging es los: "Was dramatisiere ich?" fragte ich mich. "Furcht", kam laut meine Antwort. Ich sprach das Wort mehrfach aus, erzielte eine kleine Reaktion und notierte "Furcht" auf einer Karte.
Was ist das Gegenteil? "Unfurcht?" Darauf gab es keine Reaktion. Die Nadel war träge und unstabil. Ich nahm das Synonym-Lexikon und schaute unter "Zuversicht" nach. Dann nannte ich einige der aufgeführten Wörter. Keine Reaktion. Ich sagte nochmals "Unfurcht" und diesmal gab es eine leicht fallende Nadel. Die Karte Nr. 2 wurde ausgefüllt und an die erste geheftet.
Als mein nächstes EW fiel mir "Bangen" ein, was eine Reaktion erbrachte. Wieder hatte ich Schwierigkeiten mit dem Gegensatz. Die Nadel wurde schmutzig, jetzt war eine Check-Liste an der Reihe. Ich arbeitete mich durch ein Blatt mit Fragen wie "Haben Sie ein korrektes EW unbeachtet gelassen?" Sich selbst zu checken war nervtötend. Mir wurde heiß, und ein unangenehmer Druck machte sich hinter meiner Stirn bemerkbar. Ich hatte während der letzten Wochen zu viele HCOBs durchgeackert und konnte mich nun nicht mehr erinnern, welche Daten wichtig waren. Ich erkannte, daß ich die Nadel-Reaktionen nur schlecht beurteilen konnte.
Schließlich kam ich auf ein weiteres Gegensatzpaar: "Unglück" und "Frieden". Beide Begriffe schienen kaum ein Gegensatzpaar darzustellen, aber sie brachten eine Nadel-Reaktion. Ebenso "Spannung" und "Entspannung". Als ich das zweite Wort ausgerufen hatte, ergab sich keine Reaktion. So verfaßte ich den zusammenfassenden Bericht, packte meine Sachen zusammen und trampte zum Saint HilL.
Der Instrukteur sah meine Berichte durch und meinte: "Sehen Sie, Mann, Sie haben verschiedene EWs. Fahren Sie zurück und vervollständigen Sie die übrigen Paare!"
Nachdem ich das Auditieren wieder aufgenommen hatte, ergab "Un-Bangen" eine wunderbare Reaktion. Das vervollständigte ein weiteres
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Paar, und ich machte mich daran, den Gegensatz von "Spannung" zu finden. Plötzlich kam ich auf die Assoziation "Abgeschlossen". "Öffnen!" rief ich daraufhin aus und die Nadel stieg nach rechts, sie fiel fast aus der Skala. Ich bewegte vorsichtig den Stimmungsskala-Knopf, um sie zu zentrieren, darauf begann die Nadel mit einer Serie von aufsteigenden Bewegungen, in denen ich eine schwebende Nadel zu erkennen glaubte.
Es war spät am Nachmittag, als ich wieder am Schreibtisch des Instrukteurs stand. Ich teilte ihm mit, ich mache mir wegen "öffnen" Sorgen, da das ein Nomen und ein Verbum zugleich sei. Das widerspreche meiner Idee von einem EW — ich hätte lieber "OffenHElT" gesagt. Er antwortete: "Was wollen Sie denn noch, Mann? Ergab das Wort eine Reaktion? Dann ist es ein EW! Lassen Sie es sich attestieren und fangen Sie mit dem Ausmustern an!" Die Kopfschmerzen waren noch immer da. Im Empfang bekam ich ein Formular ausgehändigt, das mir die genaue Reihenfolge der aufzusuchenden Büros vorschrieb. Das orangefarbene Papier sollte mit mir nach Schottland reisen, wo es eine direkte Verbindung zwischen dem Ausstoß an Schülern aus Saint Hill und der Aufnahme in der AOUK gab. Als ich das Attest und ein Zeugnis erhalten hatte, ging ich zum Erfolgsbüro, wo ich meine Fortschritte darzulegen hatte. Als wichtigsten Fortschritt empfand ich es, daß ich den Saint Hill verlassen durfte. Aber statt dessen gab ich an, ich empfände "vollständige Zufriedenheit über den Solo Kurs". Der Angestellte bat mich, ihm mehr über meine Fortschritte mitzuteilen, wenn ich die AO erreicht habe. Er zeigte mir den Weg nach draußen zur Müllkippe, wo ich alle Notizen, die ich mir während des Kurses gemacht hatte, verbrennen sollte.
Am gleichen Abend sah ich Edward in der Küche. Als ich ihm von meiner Grad VI Release berichtete, umarmte er mich und tanzte mit mir um den Küchentisch herum. Ich hatte das Gefühl, daß meine Release ihm mehr bedeutete, als mir selbst.
... er ist schuldig, mehr Overts begangen zu haben, als er dem Auditor gegenüber zugibt... .L. RON HUBBARD
Die zum Ausmustern erforderliche Sicherheitsüberprüfung wurde von dem jungen Danny Glassman, Mikes Sohn, vorgenommen. Danny glitt
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in seinen Stuhl und stellte den E-Meter auf, wobei er sich wie ein Flieger-As im Cockpit bewegte. Er war betont ernst und schielte in einer Weise, die mich nervös machte. Die Fragen waren denen bei der Ankunft ziemlich ähnlich, aber diesmal war mit der Nadel etwas nicht in Ordnung.
"Da ist etwas", sagte Danny. "Ich
werde jede Frage doppelt überprüfen. Haben Sie irgendetwas von dem
Geheimmaterial kopiert? Ich habe eine Reaktion. Hier stimmt etwas nicht, und
ich werde herausbekommen, was es ist."
Damit rutschte mir das Herz in die Hosen.
"Los, los, was ist es?" hämmerte Danny auf mich ein. Verzweifelt fragte
ich mich, welche Fehler ich begangen haben könnte.
"Ich habe herumgealbert
und Witze über die See Org gemacht", jammerte ich.
"In Ordnung. Noch mehr dazu?"
"Auch über Aufträge, Bücher zu verkaufen."
"Recht so. Mit wem haben Sie darüber gespottet? Mit wem, will ich wissen!"
"Mit Marilyn, der Köchin im Fyfield Manor.
Aber sie sagte kein Wort. Sie hörte mir nur zu."
"O.k.", er schrieb alles auf. "Ich werde das auf dem Meter überprüfen: 'Haben
Sie vertrauliches Material kopiert?' Das ist sauber. 'Sind Sie aus einem
falschen Grund hier?' Ich habe eine Reaktion. Passen Sie auf, da ist etwas
dahinter und ich erfahre es, und wenn es den ganzen Tag kostet. Raus mit der Sprache! Es
ist besser, Sie spucken es aus — oder muß ich Sie erst einem Joburg
unterziehen?"
Ich wußte nicht, was die Reaktionen herbeiführte. Alles,
was ich im Saint Hill getan hatte, war offen und ehrlich gewesen, dachte
ich. Ich war reisefertig angezogen, hatte gepackt und war bereit nach London
zu fahren. Meine Freunde erwarteten mich. Und dieser kleine Bastard mußte
alles durcheinander bringen. Er war es, durch den die Nadel unsauber
wurde.
"Ich weiß jetzt den Grund. Ich hatte ein
seltsames Gefühl wegen meines Solo-Auditierens."
"O. k., was war damit los?"
"Ich war mit einem meiner EWs nicht ganz zufrieden."
"Fein. Warum nicht?"
"Eins von ihnen konnte sowohl ein Nomen als
auch ein Verb sein."
"Danke. Setzen Sie die Büchsen ab. Jetzt haben Sie
sich selbst geschädigt, indem Sie Ihre Solo Release infrage gestellt haben.
Sie sind ein Solo Release, verstanden? Wenn Sie jemals wieder sich selbst
herabsetzen, dann sende ich Sie sofort zur Ethik-Abteilung. Ist das
klar?
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Falls noch etwas ist, heraus damit, oder auf lange Sicht wird es nur schlimmer für Sie."
Es gab noch etwas. Die Frage der Kompetenz des Instrukteurs. Hatte er gelegentlich nicht auch die Regeln durchbrochen, indem er eine Meinung geäußert hatte, oder indem er mehr über ein offizielles Bulletin aussagte, als er durfte? Ich brachte es fertig, diesen Gedanken so tief in meinem Inneren zu vergraben, daß er nicht wieder nach oben kam. Offensichtlich hatte ich genug durchgemacht, um die Nadel locker zu machen und durch die übrigen Fragen zu kommen.
"Gut, damit sind wir fertig, aber Sie werden eine Review-Sitzung brauchen und dann, denke ich, werden Sie auch zur Ethik-Abteilung gehen müssen, mit einer Nachricht von mir, daß Sie sich selbst herabgesetzt haben."
Ich war nahezu betäubt, nur ein übles Gefühl in der Magengrube erinnerte mich daran, daß ich Marilyn verraten hatte. Ich stellte mich bei Review an, zahlte 20 Dollar und begann das lange Warten auf einen Auditor.
Ich saß in der Sonne, auf einer Bank vor dem Auditionsbüro. Auf einer anderen Bank saßen ein Mann und eine Frau, mit dem Rücken zum College. Sie hatten große Schilder auf den Rücken gebunden. "ICH BIN IM ZWEIFEL — SIE DÜRFEN NICHT MIT MIR SPRECHEN", stand darauf. Sie saßen traurig da, mit unbeweglichen Gesichtern, gedemütigt, vor Gram fast vergehend. Von Zeit zu Zeit murmelten sie sich etwas zu. Ich versuchte zu erkennen, ob sie mit Ketten an die Bank gefesselt waren.
Freundliche Schüler brachten mir Kaffee, Sandwiches und Zigaretten, Bruce schlenderte herbei, um einen Moment mit mir zu plaudern, er war so etwas wie ein ständiger Bewohner dort, immer wartete er auf seine nie endenden Review-Sitzungen, saß dabei auf dem Rasen oder auf einer Bank oder ging auf dem Weg vor den Trainingsbaracken auf und ab.
Die Review-Sitzung bestand nur aus der Einschätzung meines ARC-Bruches mit Danny. Dann mußte ich nochmals lange warten, um den Ethik-Beamten sprechen zu können. Es war ein freundlicher und vertrauenerweckender Mann, der mit mir plauderte, als ich an seinem Pult Platz nahm. Er blickte auf Dannys Bericht und lächelte. "Sie haben wohl kein Material kopiert, nicht wahr? Nein? Gut, gut . .. Selbstherabsetzung? ... Ach so ... EWs, schön, schön ... — O.k., Amigo, gute Reise nach Schottland!"
Es war schon zu spät, um die Routine des Ausmusterns noch fortzusetzen, darum kehrte ich zum Fyfield Manor zurück. Von der Überprüfung noch immer überdreht, vertraute ich Edward an, daß ich
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durch die jüngsten Ereignisse verunsichert sei. Ich wollte von ihm wissen, ob ich im Saint Hill bleiben und die Probleme ausbügeln oder direkt nach Schottland gehen solle. Rein gefühlsmäßig lag mir daran, so bald als möglich abzureisen. Edward stimmte mir zu. "Geh zur AO, es gibt nichts besseres auf der Welt. Die See Org-Mannschaft wird alles zusammenflicken, was zusammengeflickt werden muß."
Am Sonntag gab es keine offiziellen Aktivitäten im Hill. Selbst der Mitarbeiterstab dort mußte einmal ausruhen. Deshalb war ich um sieben Uhr morgens auf der Straße, um nach London zu trampen. Ich konnte über Nacht bei meinen Freunden bleiben und früh am nächsten Morgen nach Saint Hill zurückfahren.
Die Absicht anderer Wesen war es, diesen Preclear, ob er wollte oder nicht, zumindest zu einem gehorsamen Sklaven zu machen.L. RON HUBBARD
Mein erster Wunsch war, für ein paar Stunden in ein warmes Bett zu kommen. Ann und Nicholas Dalmas fühlten, daß es mir nicht so gut ging und gaben mir eine Wärmflasche. Nach meinem Mittagsschlaf spielten wir mit den Kindern und aßen zu Abend.
Es war ein seltsames Gefühl, mit Nicht-Scientologen zusammen zu sein. Ich war ganz durcheinander. Ich versuchte verzweifelt, ein fröhliches Lächeln zu zeigen. Als die Kinder im Bett waren, saßen Ann, Nicholas und ich im Wohnzimmer, um zu reden. Ann war sehr besorgt.
"Ich habe über diese Leute in der Zeitung gelesen. Sie haben ein Schiff, und ein Mädchen, das an Bord gegangen war, ist verschwunden."
"Hör zu, Ann, die Scientology hatte in England schon immer eine schlechte Presse. Diese Geschichten sind doch nur Gerüchte. Ich kann vermutlich rekonstruieren, was tatsächlich passiert ist, und dir eine sehr einfache Erklärung dafür geben. Also, das Mädchen hat wahrscheinlich seine Eltern verlassen, um zur See Org auf die Jacht zu gehen. Sicher kam heraus, daß ihre Eltern für sie suppressiv sind — das heißt, sie wollten sie zurückhalten — und sie mußte sich von ihnen trennen. Deshalb haben sie nie wieder von ihr gehört. Ziemlich einleuchtend, oder?"
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"Ich weiß nicht so recht", erwiderte Ann. " Ich finde es schrecklich, Kinder von ihren Eltern fortzulocken. Das ist alles seltsam und bedrohlich. Die ganze Scientology klingt nach Gehirnwäsche. Bob, ich fürchte, sie versuchen dir den Verstand zu rauben. Ich habe schreckliche Angst um dich."
"Aber Ann", warf Nicholas ein, "Bob weiß doch selbst, was er tut, und es scheint genau das zu sein, was er tun möchte."
"Warte. Ich möchte euch eine Geschichte vorlesen, die ich geschrieben habe." Ann holte ihr Notizbuch und las uns eine erschreckende Geschichte vor. Sie handelte von Wesen einer fremden Galaxe, die zur Erde kamen und uns versklavten, wobei wir voll mitarbeiteten. Gewisse Einzelheiten waren bestimmten Abschnitten der Pakete E bis H erstaunlich ähnlich. Wie konnte sie darüber Bescheid wissen?
Wie unter Zwang spuckte ich Informationen über die unteren Grade aus, wie sehr sie mir in New York geholfen hatten. Ann wartete ungeduldig, bis ich damit fertig war. "Um Himmels willen, Bob, mach damit nicht weiter, hör jetzt auf, solange du noch in Sicherheit bist! Du kannst hier bei uns bleiben, das Musikleben in dieser Stadt ist fabelhaft und ich bin sicher, daß Nick mit seinen Beziehungen dir auf der Stelle Arbeit verschaffen kann."
Ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte. Sicher, die Organisation hatte ihre Fehler. Aber bisher kannte ich nur das College, wo die meisten Mitarbeiter notwendigerweise nur am äußeren Rand der Gruppe lebten. Schon bald würde ich mit den Mitgliedern des inneren Zirkels der See Org zusammensein. Sie würden mir die Hilfe geben, die ich für meinen Kampf gegen den reaktiven Geist brauchte.
Ann sah mich an, als suche sie nach den Worten und Gesten, die mich umstimmen könnten. Ich hatte sie sehr gern, und doch fühlte ich, daß sie immer mehr die Eigenschaften eines suppressiven Wesens annahm.
Wir gingen ins Musikzimmer und ich spielte ein wenig. Auch das hellte die Atmosphäre nicht auf. Ich spürte Anns Augen auf mir. Sie fürchtete, daß ich immer tiefer in eine Falle geriet, aus der ich nie mehr würde entkommen können. Und doch, nach allem, was ich im Saint Hill gelernt hatte, saß sie selbst in der Falle. Sie versuchte, andere zu sich hinunter zu ziehen, in die Tiefen geistiger Erniedrigung.
Nicholas war ruhig. Er wollte fair und unparteiisch sein. Aber seine Stimmung war durch den Kummer seiner Frau verständlicherweise gedrückt.
Um Mitternacht gingen wir schlafen. Als ich aufwachte, dämmerte es noch kaum. Es war 5.45 Uhr. Ich rauchte und hörte auf dem Bürgersteig unter meinem Fenster die Schritte von Leuten, die zur Früh-
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schicht gingen.
Ich hatte nur noch einen Punkt in der Routine des Ausmusterns zu erledigen, einen kurzen Sicherheitstest im "Weltweiten Büro". Ich stand Schlange, während die Ethik-Beamtin andere Schüler an ihrem Pult überprüfte. Ihr Gesicht war von Trauer gezeichnet. Ich fürchtete, daß sie vielleicht Gerald Tibers Ex-Ehefrau war, die ihm soviel Böses zugefügt hatte, als er als Interner im Saint Hill gearbeitet hatte. Sie blickte von ihren Berichten zu mir auf. Vielleicht erinnerte sie meine Nervosität an ihre eigenen früheren Erfahrungen in ähnlichen Situationen.
"Bitte, nehmen Sie die Büchsen." Sie
schaute mir in die Augen und ein freundliches Lächeln umspielte ihre
Mundwinkel.
"Sind Sie hier, um vertrauliches Material zu verkaufen?"
"Nein."
"Danke. Das ist sauber", sagte sie leise. Wieder
lächelte sie ganz zart; ein freudiger Schauer lief durch meinen
Körper.
"Sind Sie Mitglied einer suppressiven Gruppe?"
"Nein."
"Gut. Das ist sauber. Das wär's."
Sie hatte die schwebende Nadel
festgestellt. Der Sicherheitstest war vorbei und ich war auf dem Wege zur
AOUK.
Ich verbrachte den Abend mit meinen Freunden in London. Ann war immer noch unglücklich. Aber sie hatte jeden Versuch aufgegeben, mich von der Reise nach Schottland abzuhalten. Es war offensichtlich, daß ich entschlossen war, das Abenteuer zu wagen. "Ich nehme an, ihr habt bemerkt, daß ich gestern Probleme hatte", erklärte ich ihnen. "Aber jetzt ist alles in Ordnung."
"Komm zu uns zurück, wenn du damit fertig bist", bat mich Ann. Endlich konnte ich etwas trinken. Das war mir untersagt gewesen, während ich mich selbst auditiert hatte oder von anderen auditiert worden war. Ein wenig verkatert wachte ich am nächsten Morgen auf, wie üblich sehr früh. Mit dem Zehn-Uhr-Zug fuhr ich nach Edinburgh. Mir gegenüber, auf der anderen Seite des Ganges, saß ein Mädchen. Fast während der ganzen, fünf Stunden langen Reise starrte ich ihre Beine an. Sie war aber nur ein Barbaren-Mädchen mit einem dumpfen Gesichtsausdruck. Ganz bestimmt eine suppressive Person.
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